Untertürkheim Strümpfelbacher Strasse

Zu den Ende 1941 in Stuttgart beschlossenen Luftschutz-Maßnahmen gehörten nicht nur Hoch- und Tiefbunker, sondern auch mehrere Stollenanlagen, die an geeigneten Stellen für die Anwohner errichtet wurden.

Solch ein Bauwerk entstand im Bereich der Strümpfelbacher Straße in Untertürkheim, wo die Hanglage eine ausreichende Überdeckung bot. Hinter und neben der 1902 erbauten Kelter wurde der Stollen mit drei Längsstichen aufgefahren, die mit drei Querstichen verbunden wurden. Die ursprüngliche Planung sah 618 Liegeplätze in Stockbetten und 600 Sitzplätze auf Holzbänken vor. Dieses Nutzungskonzept entsprach den damals üblichen Planungen für zivile Luftschutzbunker.

Die Planungen waren im September 1941 abgeschlossen. Anfang 1942 wurde mit dem Stollenbau begonnen. Bedingt durch den Verlauf des Hangs konnten zwei Zugänge als Rampen ausgeführt werden, über die auch der Abraum mit Loren auf Feldbahngleisen nach aussen geschafft wurde. Der dritte Anstich lag zu weit hangaufwärts und erhielt somit einen Treppenabgang.

Der gesamte Stollen wurde innen ausbetoniert, alle drei Zugänge mündeten in Schleusenbereiche, die Schutz vor  Gas, aber auch vor der Wucht von Nahtreffern boten. Zwischen den Zugängen wurden Nischen eingebaut, die Toiletten und Waschplätze aufnahmen. Solche Bereiche gab es auch in den Verlängerungen der beiden äußeren Längsstiche. Der erste Querstich wurde an beiden Enden ebenfalls verlängert, um Heizungs- und Belüftungsanlagen unterzubringen, sowie die zugehörigen Zu- und Ableitungen nach außen.

Vermutlich war der Stollen noch 1942 fertiggestellt worden. Im weiteren Verlauf des Krieges zeigte sich freilich auch hier, dass die ursprünglichen Planungen zur Nutzung der Räumlichkeiten kaum mit der Realität vereinbar waren. Bis zu 2.300 Menschen suchten bei Luftangriffen in der Anlage Schutz vor den gegnerischen Bomben. Der Berg und damit auch der Stollen bebten immer wieder, wenn die Einschläge nicht am Neckar in den Industriestandorten einschlugen, sondern weiter oberhalb im Wohngebiet.

Nach dem Krieg wurde der Stollen von der Kelter genutzt und teilweise umgebaut. Die Toiletten- und Waschräume verschwanden. Mehrere Stellen wurden mit Fliesen ausgekleidet, zunächst als grosse „Weinfässer“, später wurden dort Wein- und Sektflaschen gelagert. Ein Teil des Stollens wurde abgemauert. Die Zwischentüren der Schleusenbereiche wurden entfernt.

Heute nutzt die Weinmanufaktur Untertürkheim den in städtischem Besitz befindlichen Stollen z.B. um anhand dort aufgebauter Sektrütteltische Besuchern Einblicke in die Sektkelterung zu vermitteln. Dabei gewinnen die Besucher auch einen Eindruck von der ehemalige Bunkeranlage und ihrer Stollenarchitektur. An den Wänden finden sich noch immer etliche Original-Beschriftungen, die auf eindringliche Weise eine Ahnung vermitteln von der Enge und der bedrückenden Situation im Luftschutzstollen während eines Angriffs.