Stuttgart

Im Mai 1939 hatte die Stadt Stuttgart 458.429 Einwohner. Nicht eingerechnet sind hier die Einwohner von Birkach, Schönberg, Riedenberg, Fasanenhof, Kleinhohenheim, Hohenheim, Möhringen, Sonnenberg, Plieningen, Solitude, Stammheim, Vaihingen, Büsnau, Dürrlewang und Rohr, die alle zum 01. April 1942 eingemeindet wurden.  

In Stuttgart wurde bereits Anfang 1939 mit dem Bau von Luftschutzeinrichtungen u.a. für die Stadtverwaltung begonnen. So wurde ein vor dem Neuen Schloss liegender ehemaliger unterirdischer Wasserkanal zum öffentlichen Luftschutzstollen ausgebaut.

Unter dem Pierre-Pflimlin-Platz hinter dem Rathaus wurde eine neue Stollenanlage für die Rathausbediensteten und wichtige Unterlagen geschaffen, genauso bei der Handwerkskammer in der Jägerstraße. Unter der Heilbronner Straße am Güterbahnhof entstand ein Stollen für Bahnreisende und Arbeiter des Güterbahnhofs. Auch wurden mehrere Luftschutz-Rettungsstellen eingerichtet, wie etwa der Rettungsstelle des 16. Luftschutzreviers in der Martinskirche am Pragfriedhof (Eckartstraße).

Kriegsbeginn und erste Bauwelle

Unmittelbar nach Kriegsausbruch begann auch der Bau von insgesamt vier Winkeltürmen in Stuttgart, von denen drei bei Bahnhöfen mit hohem Pendleraufkommen (Feuerbach, Untertürkheim und Cannstatt Wilhelmsplatz) errichtet wurden. Der vierte war zunächst ein Werkluftschutzprojekt, wurde während des Krieges aber auch für Anwohner geöffnet.    

Im Zuge des „Führer-Sofortprogramms“ für Luftschutzbauten wurden Anfang November 1940 die Bauarbeiten an 10 unterirdischen Bunkern mit 5.400 Liegeplätzen begonnen. Zugleich begann die Diskussion um die Schaffung eines Großluftschutzraums für das Stadtzentrum, die zum Baubeginn des Wagenburgtunnels führte. Zu diesem Zeitpunkt war Stuttgart dreimal aus der Luft angegriffen worden, wobei insgesamt vier Menschen starben und acht verwundet wurden.

Während vor allem Norddeutschland, das Ruhegebiet und Städte am Rhein nach der Kapitulation Frankreichs im Sommer 1940 vermehrt Ziel britischer Luftangriffe wurden, erlebte Stuttgart 1941 keinen einzigen und konnte so die erste Bauwelle für Luftschutzbunker ohne Beeinträchtigung durch Bombenangriffe abschließen.

Der für die Luftschutzbaumaßnahmen zuständige Oberbaudirektor Richard Scheuerle berichtete dem Stadtrat am 27. August 1941, dass in Stuttgart 21 Architekten hauptberuflich für den Luftschutz arbeiteten. Seit Februar 1941 waren 6.170 Keller für 76.877 Menschen ausgebaut worden. Die Stadt hatte außerdem neun weitere Stollenprojekte beschlossen, und die Mittel für die Natursteinverkleidung der Hochbunker gestrichen, die nach Entwürfen von Paul Bonatz ursprünglich für die meisten Hochbunker vorgesehen waren. Diese Verkleidung wurde nur an den Hochbunkern im Wolfbusch und in der Sickstraße realisiert, wo sie noch heute vorhanden ist.

Weitere Bauaktivitäten und schwerere Luftangriffe

Im Mai 1942 schlugen drei britische Luftangriffe auf Stuttgart fehl, auch wenn 2 davon in der Statistik geführt werden. Am 05. Mai erreichten 34 von 120 Bombern die Stadt und trafen Zuffenhausen und Cannstatt. Es gab 13 Tote und 37 Verwundete. Dennoch hatte die Stadt sehr viel Glück, dass die meisten Flugzeuge ihr Ziel gar nicht fanden. In der folgenden Nacht fand nur ein einziges Flugzeug nach Stuttgart, die Bomben fielen in den Kräherwald. Der dritte Angriff in Folge verfehlte Stuttgart komplett und traf Lauffen am Neckar und Heilbronn. Die Scheinanlagen, insbesondere bei Lauffen, hatten daran einen entscheidenden Anteil.

Knapp einen Monat später, am 03. Juni 1942, berichtete Oberbaudirektor Scheuerle, dass 14.000 Gebäude, in denen 176.158 Menschen wohnen, „luftschutzmäßig eingerichtet“ waren. Von vorgesehenen 102.126 Liegestätten waren  68.530 eingebaut. In den vorhandenen Bunkern könne die Belegung auf 60.000 Menschen gesteigert werden. Allerdings stand dem noch immer ein Bedarf an Schutzplätzen für 170.000 Menschen gegenüber, die anderweitig keinen Schutzplatz hatten.

Die Dringlichkeit weiterer Baumaßnahmen wurde über den Winter offensichtlich. Am 22. November 1942, 11. März 1943 und 15. April 1943 erlebte Stuttgart schwere Luftangriffe durch eine zunehmende Zahl beteiligter Bomber, und eklatant steigenden Zahlen an Todesopfern und Verwundeten. Unter diesem Eindruck erging seitens des Polizeipräsidenten und des OB Dr. Strölin am 08. August 1943 die Anweisung: „Es ist empfehlenswert, Schutzräume in Form von sogenannten Pionierstollen in den Berg hineinzubauen“.

Diese Maßnahme sollte in erheblichem Maße dazu beitragen, dass vor den verheerenden Juli-Angriffen 1944 in Stuttgart rechnerisch jeder Einwohner einen Schutzraumplatz hatte, was in München beispielsweise nie erreicht wurde. Es gab sogar rechnerisch einen beeindruckenden Überhang.  

Zwischen Februar 1941 und 23. Mai 1944 waren 305.000 Schutzraumplätze, 7.216 Brandmauerdurchbrüche und 4.725 unterirdische Fluchtwege mit einer Gesamtlänge von 26,7 km geschaffen worden. Für die zu diesem Zeitpunkt noch in der Stadt verbliebenen 352.000 Einwohner standen 477.000 Schutzraumplätze zur Verfügung, davon 42.000 in Pionierstollen und 4.500 in Luftschutz-Deckungsgräben.

Insgesamt wurden in Stuttgart gebaut:

– 20 Hochbunker
– 13 Tiefbunker
– 10 betonierte Stollenanlagen
– 2 Großbunker in Straßentunneln
– ca. 40 Luftschutz-Deckungsgräben
– mind. 290 sog. Pionierstollen mit zusammen über 134.000 qm Fläche, darunter allerdings auch etliche im Rahmen des Werkluftschutzes und damit nicht für die Bevölkerung.

Für die über 66.000 Zwangs- und Fremdarbeiter in der Stadt standen in der Regel nur behelfsmäßige Schutzräume wie Luftschutz-Deckungsgräben zur Verfügung. Bei 53 Luftangriffen starben in Stuttgart 4.562 Menschen, darunter 770 Ausländer. 39.125 Gebäude wurden zerstört oder beschädigt. Das entsprach 57,5 % der Bausubstanz. In der Innenstadt lag dieser Anteil bei 68 %.