Porsche / Reutter

Zum Schutz der Werke des Ingenieurbüros Porsche und der Karosseriewerke Reutter wurde an den Bahndurchlässen Schwieberdinger Straße und Borkumstraße des Bahndamms zwischen Korntal und Kornwestheim leichte Flak stationiert. Die Stellung bestand aus drei 4 cm Bofors 28-Kanonen der III./2/54. Die Geschütze waren neben dem Bahndamm aufgestellt und mit Erdwällen gegen Splitter gesichert. Als Gefechtsstand wurde 1942 eine Splitterschutzzelle der Fa. Leonhard Moll in den Bahndamm eingebaut.

Je eine Kanone war zwischen dem Gebäude der Firma Porsche und dem Bahndamm bzw. zwischen dem Werk der Fa. Reutter und dem Bahndamm (an der Neckarsulmer Straße) postiert. Die dritte stand nördlich des Bahndamms am Durchlass der Borkumstraße. Seit Anfang 1943 waren an diesen Geschützen auch Flakhelfer eingesetzt. Im Bereich der Werksflak im Stuttgarter Norden standen diese Geschütze in vorderster Linie. Sie sollten nicht nur die Werke von Porsche und Reutter gegen Tiefflieger schützen, sondern auch einen Tiefflieger-Einflug entlang der Schwieberdinger Straße sperren. Die Firmen Hirth, Werner & Pfleiderer, Bosch und die TWS in Feuerbach hatte ihrerseits Leichte Flak auf ihrem Betriebsgelände.

Die Industriebetriebe in Zuffenhausen und Feuerbach wurden seit Ende 1942 bei Fliegeralarm künstlich vernebelt. Allein in Feuerbach gab es am 13. Januar 1943 43 Vernebelungsstellen.

Die Baracken der Batterie waren neben dem Werk II der Firma Reutter aufgestellt, dessen Hauptgebäude bis heute als Bau 10 des Porsche-Werks existiert. Neben diesen Baracken befand sich auch das Zwangsarbeiterlager der Firma Reutter.

Das Karosseriewerk Reutter

Das Karosseriewerk Reutter hatte seinen Ursprung in der Wagenfabrik Friedrich Reutter in der Reuchlinstr. 9, deren Sattlerei Wilhelm Reutter am 01.10.1906 übernommen hatte. Am 03.09.1907 schrieb dieser in einem Brief, dass er sich vorgenommen habe, dort eine eigene Fabrik für Motorenwagen zu schaffen, die „Stuttgarter Carosserie und Radfabrik“ heissen sollte. In der Reuchlinstraße 9 standen ihm dafür zu diesem Zeitpunkt 500 qm zur Verfügung. 1909 wurden zusätzliche Räume in der Augustenstraße 82 angemietet. 1911 wurde auf dem ehemaligen Gelände der Firma Pfeiffer eine neue Fabrik errichtet.

Während des 1. Weltkriegs produzierte das Unternehmen Sanitätsfahrzeuge für das Heer, aber auch weiterhin Limousinen für zahlungskräftige Kunden, in der Regel Fabrikanten aus dem Raum Stuttgart.

Waren in den 1920er Jahren bei Reutter 200 – 400 Menschen beschäftigt, nahm die Belegschaft in der Augustenstraße 82 bis Mitte der 1930er Jahre auf 600 Mitarbeiter zu.

Werk Zuffenhausen

1937 wurde in Zuffenhausen, gegenüber von Porsche, das Werk II auf bis dahin unbebautem Grund errichtet. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte Reutter 800 Personen. Die Verbindung der beiden Unternehmen reichten bis in die Mitte der 1920er Jahre zurück. Ab 1932 arbeiteten sie an gemeinsamen Projekten, beginnend mit einem nicht in Serie genommenen Fahrzeug für Wanderer und kurz darauf einem Auftrag von Zündapp.

Ab 1934 arbeiteten die beiden Unternehmen zumindest teilweise am Konzept des „Volkswagens“ zusammen, der von Porsche entworfen worden war, und von der NS-Regierung massiv propagiert wurde. Allerdings war das Reutter-Werk II weitgehend mit anderen Aufträgen ausgelastet, so dass 1937 nur 2 Volkswagenkarosserien pro Woche dort gefertigt werden konnten.

Ende 1937 begannen die Gespräche zwischen Porsche und dem Heereswaffenamt über eine militärische Variante des Volkswagens. Der offizielle Auftrag wurde am 26.01.1938 erteilt und mündete in das Konzept des Kübelwagens, dessen erste Prototypen bei Reutter entstanden. Ende 1938 erteilte das Oberkommando des Heeres Porsche einen Folgeauftrag für ein abgeändertes Konzept des Kübelwagens, an dem Reutter nicht mehr beteiligt war.

Kriegsproduktion

Ab 1940 wurde die Produktion bei Reutter auf Rüstungsaufträge umgestellt und das Unternehmen zum Zulieferer der Wiener-Neustädter Flugzeugwerke, die für Messerschmitt produzierten. In Zuffenhausen wurden Bombenschlitten und Flugzeugrümpfe für die Me 410 und Me 412 gefertigt.

1943/44 beschäftigte Reutter insgesamt 350 Personen, darunter 70 – 90 Zwangsarbeiter, die zur Hälfte im 3. Stock der Reuchlinstraße 4 und zur Hälfte im Lager an der Neckarsulmer Straße in Zuffenhausen untergebracht waren. Auf diesem Grundstück stehen heute Bau 40 und 40a des Porsche-Werks.

Mitte Juli 1944 wurden die 4-cm-Bofors-Kanonen am Bahndamm durch 3,7 cm-Flak 43 ersetzt. Diese Schnellfeuerkanonen waren moderner und unempfindlicher. Am 03. September wurde der Leichte Flakzug von Zuffenhausen-Neuwirtshaus auf den Flughafen Echterdingen verlegt.

Als Ersatz wurden offenbar 2 cm Flak aufgestellt, wobei die Standorte am Bahndurchlass der Schwieberdinger Straße wieder belegt wurden, der an der Borkumstraße jedoch nicht. Stattdessen wurde am Holzlager der Firma Reutter an der Schwieberdinger Straße die dritte 2-cm-Kanone auf einem Holzturm postiert.

Die Werke von Porsche und Reutter wurden vor allem beim Tagangriff der USAAF auf Zuffenhausen, Feuerbach und Stammheim am 10. September 1944 und dem Doppelangriff der Briten am 19. Und 20. Oktober 1944 getroffen, bei dem u.a. das Holzlager der Firma Reutter verbrannte.

Bei diesen Angriffen hatte die Leichte Flak auf Grund der geringen Reichweite der Geschütze allerdings keine Möglichkeit zum Eingreifen gehabt.

Das Ingenieurbüro Porsche entwickelte den gesamten Krieg über Fahrzeuge für die Wehrmacht. Neben militärischen Volkswagenvarianten auch Panzer. Ferdinand Porsche leitete auch die 1939 gegründete Panzerkommission.

Nach dem Krieg wurde die Zusammenarbeit von Porsche und Reutter eine jahrelange Erfolgsgeschichte, die u.a. in den Porsche 356 mündete. Am 15. Mai 1963 übernahm Porsche die Firmenanteile von der Familie Reutter und gliederte das Unternehmen ein.