Die „Schein-(Brand-)Anlage“ Weilimdorf

LUFTSCHUTZ im 2.Weltkrieg: Die „SCHEIN- (BRAND-) ANLAGE“ – Schutzbauten für die Weilimdorfer Bevölkerung

Weilimdorfer Heimatblatt Nr. 43, hrsg. vom Weilimdorfer Heimatkreis und vom Verein für Heimatpflege Gerlingen e. V., Oktober 2019

„Unsere Kompanie kam im Jahre 1943 im Spätherbst von Böblingen nach Gerlingen mit dem Auftrag, die Stadt Stuttgart und Umgebung mit ihren sehr vielen kriegswichtigen Fabrikanlagen vor Bombenangriffen, die sich von Tag zu Tag vermehrten, durch neuartige, technische Vorrichtungen zu schützen, den Feind zu täuschen, damit die Bomben möglichst schon vor dem Ziel ausgelöst und abgeworfen würden“.

Mit diesen Worten beginnt der Bericht des späteren Rektors Erich Braunmüller aus Gerlingen über die Scheinanlage bei Stuttgart-Weilimdorf. Fritz Rose veröffentlichte am 25. Januar 1952 einen Artikel im Weilimdorfer Anzeiger, in dem er schreibt, hinter dem Fasanenwald sei „der Stuttgarter Hauptbahnhof ‚in Flammen‘ aufgebaut“ gewesen. Er setzte damit einen Mythos in die Welt, der auch Eingang in Heinz Barduas „Stuttgart im Luftkrieg“ fand und darüber in zahlreiche Zeitungsartikel bis in die Neuzeit.

Auch über die genaue Position dieser Scheinanlage und die zugehörigen Schweren Flakstellungen gibt es bis heute zahlreiche unterschiedliche Aussagen und Spekulationen. Unter dem Dach des Weilimdorfer Heimatkreises fand sich ein Autorenteam zusammen, das in fast zweijähriger Arbeit die Geschichte der Scheinanlage zwischen Weilimdorf und Gerlingen recherchierte und nun erstmals eine umfassende und belastbare Dokumentation zu dieser Scheinanlage vorlegt. Da die Anlage sowohl auf Weilimdorfer als auch zu einem kleineren Teil auf Gerlinger Gemarkung lag, entstand neben dem Autorenteam auch eine Kooperation auf Seiten der Herausgeber, so dass dieses Heimatblatt erstmals eine gemeinschaftliche Publikation des Weilimdorfer Heimatkreises und des Vereins für Heimatpflege Gerlingen e. V ist. Es wäre zu wünschen, dass sich daraus eine tragfähige Kooperation entwickelt, die auch in Zukunft gemeinsame Projekte ermöglicht.

Thematisch ist das Heimatblatt auch von überregionaler Bedeutung. Zwar hatte Jürgen Lohbeck in seinen Büchern über die Krupp’sche Nachtscheinanlage in Velbert bereits das Prinzip der Signal-Scheinanlagen beschrieben, da diese Anlage 1943 entsprechend umgerüstet worden war. Die Anlage in Weilimdorf war aber von Anfang an ausschließlich als Signal-Scheinanlage konzipiert. Somit liefert das Heimatblatt die erste umfassende Beschreibung einer Anlage dieses speziellen Typs, die unmittelbar an den Rändern der Großstädte errichtet wurden, damit das Bodenradar der britischen Bomber die Anlage nicht an einer Distanz zum Ziel erkennen konnte.

Autoren und Redaktion haben zahlreiche bisher unveröffentlichte Informationen, Zeitzeugenberichte und auch Luftbilder zusammengetragen, anhand derer sie die Anlage und ihre Ausdehnung sowie die Stellungen der Flak eindeutig aufzeigen können. Die Auswertung der Zeitzeugenberichte und Karten des Stadtarchivs Stuttgart, der Einsatzberichte der RAF und der offiziellen Berichte zu den Luftangriffen der Stadt Stuttgart aus den Jahren 1943-45 weisen in unerwarteter Klarheit darauf hin, dass diese Anlage mehrfach alliierte Bomber zu Fehlwürfen, aber auch zu Bombenwürfen auf Weilimdorf, Bergheim und Korntal verleitete.

Das tödliche Erbe dieser Anlage liegt teilweise bis heute in Form von Blindgängern im Boden und führt immer wieder zu spektakulären Evakuierungsmaßnahmen wie zuletzt am 02. Juli 2019, als in Giebel 2.600 Einwohner ihre Häuser verlassen mussten. Denn das Gebiet, auf das die durch die Täuschung fehlgeleiteten Bombenwürfe erfolgen sollten, ist heute dicht besiedelt. Auf dem Areal der einstigen Scheinanlage stehen heute die Stuttgarter Stadtteile Giebel und Hausen, sowie der Gerlinger Stadtteil Gehenbühl.

Das Heimatblatt kann über den Weilimdorfer Heimatkreis e.V., Ditzinger Straße 7, 70499 Stuttgart bezogen werden.