Bunker, Basen und Relikte

Harald Fäth: Bunker, Basen und Relikte

Fakten und Legenden über Atombunker, unterirdische Anlagen und Anlagen des kalten Krieges, J.K.Fischer-Verlag-GmbH, Gelnhausen 2009, ISBN 978-3-940845-04-7, gebunden 180 Seiten

Wenn es um die Bauwerke des kalten Krieges geht, geistern zahlreiche Halbwahrheiten und auch grobe Fehlinformationen durch die modernen Medien. Häufig stammen sie aus „berufenem Munde“ und sind doch unzutreffend. In den Foren diverser Internet-Communities werden sie dann unkritisch gepostet, oft garniert mit den Beobachtungen und „Ergebnissen“ eigener Spaziergänge, die in vielen Fällen vor denselben Toren enden, wie jene, die zu den ungenauen Originaldarstellungen führten.

In seinem Buch erklärt Fäth auf verblüffende, aber nachvollziehbare Weise warum auch noch heute zahlreiche Legenden am Leben sind, die einer Zeit entstammen, die zwar noch nicht lange her ist, aber die man sich kaum noch vorstellen kann. Und er wirft den Blick auf eine Informationsquelle, die viele kennen, die sich mit Bunkern und unterirdischen Anlagen beschäftigen, deren problematische Rolle vielen aber nicht bewusst ist: Die Friedensbewegung.

In Zeiten des kalten Krieges, des Einstiegs der Bundesrepublik in die zivile Nuklearwirtschaft, des Nato-Doppelbeschlusses und der durchaus existenten Gefahr einer nuklearen Auseinandersetzung zwischen Ost und West formierte sich die Friedensbewegung, aus der letztlich auch die Grüne Partei hervorging. Eine zusammen gewürfelte Truppe aus Journalisten, Aktivisten, selbsternannten Experten und jungen Politikern waren diejenigen, die die Demonstranten, die alternativen, aber auch die etablierten Medien mit ihren Rechercheergebnissen versorgten. Viele nach bestem Wissen und Gewissen, andere durchaus naiv und unüberlegt, einige mehr oder minder mehr mit dem Augenmerk auf der agitatorischen Wirkung als auf der eigentlichen Wahrheit.

Sie schufen einen Informationsstand, der sich tief in das Bewusstsein der westdeutschen Bevölkerung eingebrannt hat.

Harald Fäth hat einige der prominentesten Orte näher unter die Lupe genommen, die einst die Friedensbewegung zu wahren Antikriegs-Wallfahrten veranlassten: Regierungsbunker Ahrtal, Fulda-Gap, Fischbach, Gundhelm, Grebenhain und etliche andere. Dabei geht es ihm nicht um einen lückenlosen Überblick. Es geht ihm um den Umgang mit Informationen und Fehlinformationen. Er hat zum Teil die in den 70er und 80er Jahren verbreiteten Berichte im Originalwortlaut zitiert und stellt sie dem aktuellen Wissensstand gegenüber. Manch monströser Ort, manches Szenario, das einst als gesicherte Information ungeprüft weitergegeben wurde, erweisen sich als Übertreibung, als Legende, als Irrtum. Doch manches nimmt auch plötzlich eine erschreckende Gestalt an und hinterlässt einen kalten Schauer auf dem Rücken. So z.B. die auf Aussagen von ex-GIs basierenden Darstellungen über den völlig sorglosen Umgang der US-Army mit A-Waffen in den 60er Jahren.

Ein Schwerpunkt des Buches liegt in Hessen auf jenen Orten, an denen die NATO vermutetermaßen oder tatsächlich die zentrale Konfrontation mit einer groß angelegten Offensive der Warschauer-Vertragsstaaten erwartete. Fäth weist eindrücklich nach, dass die Defensiv-Strategie das eine ist, ein fundiertes Wissen um einzelne Anlagen und deren geplanter Kontext in der Strategie aber etwas völlig anderes. So steht am Ende dieses Bandes eine verblüffende Erkenntnis: Um diese Hinterlassenschaften der Ost-West-Konfrontation richtig einzuordnen, um sie sauber zu dokumentieren, und um sich ein zutreffendes Bild zu verschaffen, sind die Materialien der Friedensbewegung oft erschreckend ungeeignet.

Fäth liefert keine zusammenhängende Darstellung von Fakten für Bunkerinteressierte, sondern eine gut lesbar geschriebene, an Beispielen sauber belegte Warnung vor der leichtfertigen Übernahme von Behauptungen über irgendwelche Anlagen. Eine Warnung, die in der schnelllebigen Welt der Internet-Foren mehr als angebracht ist.

Dabei geht es ihm nicht darum, die Friedensbewegung an sich zu diskreditieren. Seine Motivation erläutert er am Ende des Buchs: „Vielleicht ist es das, was mich so stört: Wir haben uns lächerlich gemacht. Nicht weil wir den Frieden wollten, eine Abrüstung in Ost UND West, eine Abschaffung der Massenvernichtungsmittel. (…) die Mittel, mit denen dies versucht wurde, können in der Rückschau nicht als legitim erachtet werden. Eine Bevölkerung zu verunsichern, zu ängstigen, indem man pure Phantasien verbreitet, ist nicht legitim“.

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