Schülersoldaten Soldatenschüler

SchuelersoldatenGünter Aichele: Schülersoldaten Soldatenschüler
Fünfzehnjährige Luftwaffenhelfer in Stuttgart und Auschwitz 1944/45

Scherzers Militaer-Verlag Bayreuth, 2011, ISBN: 978-3-938845-38-7, 430 Seiten

Günter Aichele, Jahrgang 1928, war Schüler des Dillmann Realgymnasiums, als er am 10. Januar 1944 zum Dienst als Luftwaffenhelfer eingezogen wurde. Wie viele Jugendliche, deren gesamte Schulzeit in die Zeit des Nationalsozialismus fiel, war auch er zunächst froh, der Schule entkommen und gleichzeitig etwas zur Verteidigung der Heimat tun zu können. So zumindest dachten viele der rund 200.000 15-16 jährigen Schüler des Jahrgangs 1928, die Anfang 1944 zum Dienst in der Fliegerabwehr herangezogen wurden.

Der Autor gibt ein Bild dieser Zeit wieder, das er aus Erinnerungen, eigenen Aufzeichnungen, Briefen, Tagebüchern von Kameraden, Dokumenten und eigener Recherche zusammengesetzt hat. Sein lakonischer Sprachstil wirkt dabei anfangs oberflächlich und seltsam distanziert. Je mehr man von diesem Buch jedoch liest, desto mehr zieht genau dieser Stil den Leser in seinen Bann. Nüchtern beschreibt er seinen familiären Hintergrund, die Erziehung, den Alltag deutscher Kinder in den 1930er und frühen 1940er Jahren. Er begreift seine Familie als normal. Der Vater war zwar in der Partei, aber die Eltern hörten dennoch verbotene Auslandssender.

Aichele hatte auch zu den Büchern von Hermann Queck beigetragen und Beiträge aus Quecks veröffentlichungen dienen ihm gleichfalls als Quelle. So wirkt dieses Buch auch in gewisser Weise wie die Vertiefung eines Kapitels aus Hermann Quecks Buch, nämlich die komplette Geschichte der schweren Flakbatterie Stuttgart-Vaihingen (4./s.460), die zusammen mit anderen Batterien 1944 nach Auschwitz verlegt wurde. Diese Geschichte ist bei Queck auf wenigen Seiten dargestellt, Günter Aichele hat sie hier in einem eigenen Buch dokumentiert. Und es war womöglich auch dieser Marschbefehl nach Auschwitz, der so viele Jahre später die enorme Energie freisetzte, mit der Aichele diese Geschichte rekonstruierte. Wären er und seine Kameraden nicht zur Verteidigung des oberschlesischen Industriekomplexes herangezogen worden, wer weiss, ob er das gleiche starke Bedürfnis verspürt hätte, diese Geschichte zu erzählen.

Durch seine Recherche stösst er auf Unterschiede und Widersprüche. Schon die Zeremonie, mit der aus Schülern quasi Hilfssoldaten gemacht wurden hat sich offenbar von Ort zu Ort unterschieden. Aichele stösst auf Zeugnisse von propagandistisch ausgestalteten Feiern, während in Stuttgart die Veranstaltung eher den Charakter eines Schulausflugs hatte. Die Schüler hatten im Hof der Wagenburg-Oberschule anzutreten und fuhren dann in Zivil mit der Strassenbahn nach Vaihingen zum Dienst.

Der Dienst in Vaihingen war geprägt von Alarmen, Drill, einigen Angriffen, aber trotz der Lebensgefahr, in der die Flakmannschaften bei jedem Angriff schwebten noch eher „ruhig“.
Am 11.07.1944 begann die Verladung der Batterie Vaihingen mit Ziel Auschwitz. Am 13.07. erfolgte die Abfahrt mit der Bahn in Kornwestheim. Drei Tage später trafen Geschütze und Mannschaften in Brzeszcze bei Auschwitz ein. Auch die Batterien aus S-Weilimdorf, S-Heumaden und S-Stammheim verlegten im Juli 1944 in den Raum Auschwitz zusammen mit anderen Batterien aus unterschiedlichen Regionen. Je nach Quellenangaben wurden 140 – 180 schwere Flak der Kaliber 8,8 und 10,5 cm im Raum Auschwitz zusammengezogen, um die dortigen Chemiewerke zu schützen.

Die Luftwaffenhelfer bekamen das KZ vereinzelt zu Gesicht, etwa, weil nur dort Ärzte vorhanden waren. Freilich bekamen sie nur die Baracke zu Gesicht, wo die Behandlung stattfand. Sie sahen aber auch die ausgemergelten Häftlinge. Und sie hatten mit Häftlingen Kontakt, die beim Stellungsbau der Batterien helfen mussten. In einem System von Zensur, Propaganda und Desinformation aufgewachsen, war ihnen eine objektive Analyse dieser Begebenheiten freilich nicht möglich.

Der Kontakt zu den ausgehungerten und ungepflegten Gestalten war ihnen unangenehm. Umso stärker nagten diese Erlebnisse an den Oberschülern, als sie später erfuhren, was es mit diesen Häftlingen auf sich hatte und welche ungeheuren Verbrechen sich in ihrer unmittelbaren Nähe abgespielt hatten. Es sind jene Teile des Buches, wo Aicheles lakonische Art fast zwingend wird, um diese Diskrepanz, diesen inneren Konflikt der ehemaligen Luftwaffenhelfer darzustellen, den wohl alle ihr Leben lang mit sich herumtragen und -trugen, die dort ihren Dienst zu verrichten hatten.

Die Frage, ob man es hätte erkennen müssen und können, ob man sich hätte anders verhalten müssen und können, haben diese damaligen Jugendlichen nie befriedigend für sich beantworten können. So bleiben nur die Fakten: Sie erkannten das Ausmaß des Verbrechens nicht und sie fühlten sich von den Häftlingen zum Teil beschämt. Beschämt wandten sie sich ab. Und diese Scham verfolgte sie ihr Leben lang.

1945 wurden viele Flak-Batterien der Region Auschwitz noch im Erdkampf eingesetzt. Die Anzahl der dort getöteten Flakhelfer ist nicht belegt. Günter Aichele hatte Glück. Seine Batterie wurde gesprengt und die Luftwaffenhelfer in die Heimat entlassen, bevor die Rote Armee ihre Stellung erreichte. Er erzählt von einigen Kameraden, die weniger Glück hatten.

So spannt das Buch den Bogen von der anfänglichen Verteidigung Stuttgarts über den monströsen Komplex Auschwitz, die erbitterten Abwehrkämpfe im Osten bis zur Auflösung des Deutschen Reichs in einem vollkommenen Chaos, das zu überleben nicht wenigen als ein Wunder erschien. Als eine Darstellung aus erster Hand ist dieses Buch spannend und verstörend zugleich. Der Autor wirbt nur wenig um Verständnis für sich und seine Kameraden. Er konzentriert sich auf das Geschehen und liefert damit einen eindrucksvollen und hochinteressanten Beitrag zur Geschichte der Stuttgarter Luftwaffenhelfer ab.