Toyland – Bomber über Nürnberg

Peter Heigl: Toyland – Bomber über Nürnberg

Selbstverlag Peter Heigl,2004, ISBN 3-00-015199-0, Broschur, 88 Seiten DIN A4, 9,80 €.

„TOYLAND, Nuremberg, Germany, 23 April 1945“ war der Titel eines Films des US Army Signal Corps, der Aufnahmen des zerstörten Nürnberg nach der militärischen Einnahme der Stadt zeigt.

Diesem Film entlieh Peter Heigl den Titel für seine knapp 90-seitige Broschüre über die Zerstörung Nürnbergs mit vielen Bildern aus den US National Archives und einem Text in Deutsch und Englisch. Er stützt sich hinsichtlich der Zahlen und Fakten in großem Maße auf Jörg Friedrichs Abhandlung „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945“ von 2002. Dass Heigl in seinem Vorwort klar Partei für Jörg Friedrich ergreift – immerhin wurde Friedrich ob seiner drastischen Ausdrucksweise teilweise der Tonfall des Revanchismus unterstellt – ist nicht unbedingt glücklich. Es schmälert aber die Leistung von „Toyland – Bomber über Nürnberg“ keineswegs.

Heigl wollte, wie er im Vorwort darlegt, eine spezifisch lokale Perspektive zeigen: Die Zerstörung Nürnbergs durch die alliierten Luftangriffe, aber auch das zerstörte Nürnberg unter Verwaltung der Alliierten in Bild- und Textdokumenten, wovon einige bislang kaum der Öffentlichkeit zugänglich waren und viele in so komprimierter Form bisher nicht präsentiert wurden.

In knappen, verständlichen Texten breitet Heigl die Strategie vor allen des Bomber Command der Royal Air Force aus und zeigt unmittelbar durch Bildmaterial und Textquellen, was diese Strategie für die Stadt Nürnberg und ihre Bewohner bedeutete. Die Stadt der Reichsparteitage und der Rassegesetze war natürlich ein beliebtes Ziel der Alliierten. Die propagandistische Bedeutung, die das NS-Regime der Meistersingerstadt verliehen hatte, war im Ausland sehr wohl bekannt. Das Problem der Bomberverbände war eher, dass die Stadt erst nach einem sehr langen und daher gefährlichen und verlustreichen Anflug über Reichsgebiet erreicht werden konnte.

So wurden zwar mehrere Dutzend Angriffe auf Nürnberg und seine Industrien und Verkehrswege geflogen, doch die Stadt blieb bis 1945 relativ unbeschadet im Vergleich zu vielen anderen deutschen Städten.

Am 3. Oktober 1944 waren bereits schwere Schäden an der Burg und ihrer Umgebung durch einen Angriff der 8. US-Luftflotte mit 454 Bombern verursacht worden. In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar zerstörte ein Nachtangriff der RAF die Nürnberger Altstadt vollständig. Heigl stellt seinen Texten Luftbilder mit eingezeichneten Zielen, Listen mit Unternehmen, die als kriegswichtig eingestuft waren, und Bilder aus der Trümmerwüste Nürnbergs gegenüber. Die Fotos der Bomberverbände am Boden und in der Luft mit ihrer streng geometrischen Reihung in scheinbar unendlicher Zahl strahlen eine beklemmende und schauerliche Ästhetik des Todes aus. Sie wechseln sich ab mit Fotos aus dem Alltag der zerstörten Stadt, von Menschen in Trümmern, Notbehausungen, von Ruinen und teilweise bizarren Kontrasten aus Zerstörtem und erhalten Gebliebenem.

Doch Heigl bleibt nicht in der Zerstörung verharren. Der besondere Reiz an diesem Buch liegt auch darin, dass es einige Fotos vom Einmarsch der amerikanischen Verbände zeigt. In Nürnbergs Ruinen wurde noch tagelang verbissen gekämpft, bis die deutschen Verteidiger die Stadt schließlich verloren gaben. Die amerikanischen Panzer hatten teilweise ihre Mühe, sich durch die Schuttberge in den einstigen Straßen zu arbeiten. Die Infanterie wurde von den Deutschen in einen erbitterten Häuserkampf verwickelt.

Am Ende kämpften die Besatzer gegen die Trümmerberge. Der Hauptmarkt musste im Rekordtempo geräumt werden, um eine Siegesfeier zu ermöglichen. Die Nürnberger Prozesse fanden in einer Trümmerlandschaft statt, in der nur wenige Gebäude noch intakt waren. Zu dieser Zeit bereiste Colonel Goddard für die US-Luftwaffe die Städte Europas, um die Zerstörungen zu dokumentieren. Seine Eindrücke von den Aufräumarbeiten und vom beginnenden Wiederaufbau schließen dieses Buch ab.

„Toyland“ ist nicht für denjenigen gemacht, der umfassende, faktenreiche und wissenschaftliche Abhandlungen sucht. Heigl nutzt geschickt die suggestive Kraft der Bilder für seine Botschaft. Doch er erfüllt den im Vorwort formulierten Anspruch. Er zeigt eine lokale Perspektive aus Sicht der Angreifer und der Angegriffenen. Er zeigt den Bombenkrieg, das Eindringen der US-Bodenverbände in die Stadt und die ersten Nachkriegsmonate. Und er bleibt dabei auch ohne umfassende Vorkenntnisse verständlich.

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