Die Marinegeschütze des Westwalls am Oberrhein

Sascha Kuhnert und Friedrich Wein: Die Marinegeschütze des Westwalls am Oberrhein

Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Westbefestigungen

Explorate-Verlag, Königsfeld, 2012, ISBN 978-3-937779-29-4, 640 Seiten

Friedrich Wein hat u.a. bereits über die Luftverteidigungszone West, die Sperrstellen des Südschwarzwaldes oder auch die Militärgeschichte der Hornisgrinde veröffentlicht. Zusammen mit Sascha Kuhnert legt er nun ein umfassendes Werk vor über ein Kapitel, das dringend seiner Bearbeitung und breiteren Würdigung harrte.

Der Feldzug gegen Frankreich im Frühjahr 1940 wird vor allem von französischen und englischsprachigen Autoren seit Jahren mit zunehmender Intensität aufgearbeitet. Dabei konzentrieren sich die Autoren in der Regel auf den Vormarsch nach der Grenzüberschreitung.

Sascha Kuhnert und Friedrich Wein haben sich mit diesem Buch auf die am oberrheinischen Westwall zwischen Istein und Karlsruhe eingesetzten Marinegeschütze von ihrer Entstehung bis zu ihrem Verbleib konzentriert und liefern damit eine Ergänzung nicht nur zur Westwallforschung, sondern auch zu anderen Schauplätzen, an denen die Geschütze nach dem Juni 1940 eingesetzt wurden. So auf der Krim oder am Atlantikwall.

Folglich beginnt der Band mit einer Typologie und der Geschichte der Geschütze, die großenteils schon vor dem ersten Weltkrieg für die kaiserliche Marine entwickelt worden waren. Trotz des Versailler Vertrags war es dem Deutschen Reich gelungen etliche Kanonen zu behalten, die eigentlich hätten zerstört werden müssen. Nach 1933 wurde mit Hochdruck an neuer Munition für diese Waffen gearbeitet. Im Zuge der Remilitarisierung der Rheingrenze kamen etliche Geschütze am neu entstehenden Westwall zur Aufstellung. Schon das historische Bildmaterial dieser Waffen und ihrer Stellungen ist spektakulär.

Die Einsatzberichte und die zahlreichen Zeitzeugenschilderungen und Dokumente ergeben ein dichtes und facettenreiches Bild der folgenden Ereignisse.

So schildern die Autoren die Artillerieduelle am Oberrhein im Juni 1940 und teilweise heftige Beschießungen der Rheinbahntrasse durch französische Artillerie. Die deutschen Geschütze feuerten zurück. Allerdings litten die Batterien unter erheblicher Munitionsknappheit. Diese und der Umstand, dass die deutschen Oberkommandos den Rheinübergang im Süden fast täglich umplanten, schränkten die Wirkung des in Stückzahl und Feuerkraft erheblichen Artillerieaufgebots deutlich ein. Die meist stationäre Verbunkerung oder Bettung und die damit begrenzte Reichweite der Kanonen taten ein Übriges, um sie in weiten Teilen des deutschen Militärs unwichtig erscheinen zu lassen.

Mit dem Unternehmen „Kleiner Bär“, dem Vorstoß gegen die Maginot-Linie zwischen Sélestat und Colmar kam die Marineartillerie doch noch zum Einsatz. Nördlich und südlich der deutschen Sturmspitzen waren Täuschungsräume definiert, deren Beschießung am 15. Juni begann.
So feuerte die 30,5-cm-Batterie von Ottenhöfen auf Straßburg, die 24-cm-Batterie bei Maisenbühl und die Urloffener 17-cm-Geschütze nahmen Hagenau unter Feuer. Während der vier Tage dauernden Operation wurden diese Batterien von den Franzosen nicht beschossen. Für die in diesen Ortschaften zusammengedrängten Evakuierten aus den vorderen Grenzdörfern waren keine Zivilschutzeinrichtungen vorhanden. Französisches Feuer hätte hier unweigerlich zur Katastrophe geführt.

Es sind solche Schilderungen und Berichte aus Ortschroniken, die diesen Teil des „Blitzkriegs“ in ein anderes, von der breiten Öffentlichkeit bislang kaum sichtbares Licht rücken.

Nach der Kapitulation Frankreichs wurden etliche Geschütze an die Kanal- und Atlantikküste verbracht. Die 24-cm-Kanonen von Oberkirch wurden beispielsweise bei Calais eingebaut. Die 17-cm Batterie Kenzingen wurde in Wissant stationiert. Vier Jahre lang lieferten sich diese Kanonen immer wieder Gefechte mit der schweren Britischen Küstenartillerie bei Dover. Die deutschen Batterien fielen im September 1944.

Die Stellungen der Marineartillerie am Oberrhein wurden 1944 teilweise reaktiviert und neu bewaffnet. Sie trugen damit zum zähen Widerstand der deutschen Truppen in diesem Abschnitt bei und unterstützten deren Gegenangriffe zur Flankierung der Ardennen-Offensive. Die Bunker in Maisenbühl wehrten sich bis zum 18. April 1945.

Nach dem Krieg wurden viele der Stellungen zerstört oder übererdet. Der beträchtliche Flächenverbrauch für Gewerbe und Infrastruktur hat am Oberrhein ebenfalls zahlreiche Zeugnisse dieser Auseinandersetzungen getilgt. Kuhnert/Wein haben einige beeindruckende Beispiele gegenübergestellt. Teilweise ist heute nur noch ein Hügel oder eine Weide zu sehen, teilweise sind die Reste der Anlagen im Wald noch vorhanden.

Trotz der Fülle technischer Details liest sich dieses Buch spannend und es ist schwer, es wieder aus der Hand zu legen. Dank einer klaren und logischen Gliederung eignet es sich aber auch als Nachschlagewerk, um z.B. das Schicksal einer einzelnen Batterie zu erforschen.

Dem Explorate-Verlag sei es gedankt, dass dieses Buch trotz seines imposanten Umfangs bezahlbar ist. Für 35,– EUR bekommt man 640 Seiten DIN A4 gebunden mit 30 Karten und Plänen, sowie 359 SW- und 121 Farb-Fotos. Es ist abzusehen, dass dieses hervorragende Werk nach dem Abverkauf der Auflage gesucht und teuer wird.

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