Die Neckar-Enz-Stellung und das Kriegsende 1945

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Till Kiener: Die Neckar-Enz-Stellung und das Kriegsende 1945
– Vaihingen/Enz im Visier
Explorate-Verlag Königsfeld, 2016, ISBN: 978-3-937779-37-9, 144 Seiten

Es gibt nicht viel Literatur über die Neckar-Enz-Stellung. Einer der wenigen Autoren, die sich dem Thema widmen ist Till Kiener. Seine bislang umfangreichste Publikation ist jetzt im Explorate-Verlag erschienen.

Im üppigen DIN A4-Format schildert er ausführlich die Geschichte der Neckar-Enz-Stellung im Raum Vaihingen/Enz von der Planung durch die Reichswehr bis zum Kriegsende. 11 Detailkarten, 37 historischen Bildern, 32 Farbbildern sowie 51 Grundrissen, 3D-Ansichten und Zeichnungen bereiten das Thema anschaulich auf, und vermitteln auch Ansichten und Abbildungen der Frontverläufe, die bislang eher selten und in der Gesamtheit so noch nie verfügbar waren.

Das Buch legt die militärischen Überlegungen dar, auf denen die Planungen der Reichswehr basierten. Eine Karte zeigt, wie sich ein französischer Angriff aus dem Raum Bruchsal heraus entfaltet hätte, der das Gelände optimal genutzt hätte: Über die Ebene südlich von Mosbach in Richtung Kocher, sowie durch das Neckartal nach Süden auf Ludwigsburg zu.

Um diese günstigen Wege zu sperren wurden die Wetterau-Main-Tauber-Stellung und die Neckar-Enz-Stellung entworfen. Allerdings wurde erst ab 1935 mit dem Bau begonnen. Bis 1938 entstanden für die Neckar-Enz-Stellung 450 Bauwerke auf 86 km Länge. Darin nicht enthalten sind die zahlreichen Armierungsschuppen, in denen Schanzmaterial, Stacheldraht und anderes Gerät eingelagert wurde, das im Krisenfall zum Ausbau der Stellungen zwischen den Bunkern eingesetzt werden sollte.

Kiener beschreibt die Bautätigkeiten, die Finanzierung, die technische Ausführung der Bauwerke des Abschnitts und die Einsatzszenarien bis zum Abbruch der Bautätigkeiten zugunsten des Westwalls.

Es folgte der Beginn des Krieges und dann der Feldzug gegen Frankreich, der die Neckar-Enz-Stellung endgültig unnötig erscheinen ließ. So wurden auch die Bauwerke im Bereich Vaihingen-Enz zugunsten anderer Befestigungen desarmiert. Ab 1943 bot die Verteidigungslinie ein überwiegend desolates Bild. Die Waffen waren ausgebaut, die Bunker innerhalb der Ortschaften als Zivile Luftschutzräume umgenutzt, andernorts als Lagerraum für kriegswichtiges Gerät verwendet, die Telefonkabel zu 80% ausgegraben um das Kupfer der Rüstungsindustrie zuzuführen.

So nimmt es kaum Wunder, dass die Stellung im Frühjahr 1945 keine zentrale Rolle in den Kämpfen spielte. Die französische Planung hatte ohnehin vorgesehen, die Stellung zu meiden und von Mühlacker über Pinache nach Monsheim vorzustoßen. Dafür wäre allerdings der Bau einer Behelfsbrücke über die Enz nötig gewesen, wofür 36 Stunden veranschlagt wurden. Da man so lange nicht warten wollte, begann die Suche nach einem intakten Enzübergang und somit auch der französische auf Illingen, Kleinglattbach, Roßwag und Vaihingen/Enz. Dabei wurde am 07. April 1945 auch das KZ Vaihingen/Enz befreit. Die Zeiteinsparung erwies sich für die französische Seite als Illusion. Denn sie begab sich in Gelände, das gut verteidigt werden konnte, und wo sich die deutsche Truppen ihrerseits zur Verteidigung eingerichtet hatten.

Das Buch schildert die Kämpfe in der Region, lässt Zeitzeugenberichte und Meldungen einfließen. Er erwähnt auch die Vollstreckung eines Todesurteils wegen Fahnenflucht auf deutscher Seite am 07.April 1945.

Am Ende wurden die französischen Verbände bis 16. April 1945 im Raum Enzweihingen, Aurich, Großglattbach aufgehalten. Und erst als infolge des amerikanischen Durchbruchs bei Heilbronn eine Umfassung drohte wurde die deutsche Front in den folgenden Tagen Stückweise zurückgenommen.

Das Buch ist eine gelungene Zusammenführung aus lokalgeschichtlichen Darstellungen, die die Geschichte der Neckar-Enz-Stellung an diesem Abschnitt detailliert und verständlich erzählt und einer Dokumentation der jeweiligen Bauwerke im Raum Vaihingen/Enz. Dabei kommt das Großformat des Buches der Verständlichkeit und Anschaulichkeit der Grund- und Aufrisse entgegen. Da die Bunker nach dem Krieg fast ausnahmslos gesprengt und bestenfalls noch als Ruinen im Gelände zu finden sind, ist es oft kaum noch möglich, auf die ursprüngliche Form und Gliederung der Bauten zu schließen. Die großformatigen Abbildungen lassen hier keine Wünsche offen.