Bereich Gundelsheim

Gundelsheim 001

Blick vom Turm von Schloss Horneck auf die 1935 von Paul Bonatz gebaute Staustufe Gundelsheim. Links das Kraftwerk, in dem ein Zugang zum Hohlgangsystem lag und neben dem der MG-Schartenstand gebaut wurde. Auf diese Weise wurde die Staustufe in die Neckar-Enz-Stellung einbezogen.

Bei den Erkundigungen des Festungsstabs 1934 für die Realisierung der geplanten Verteidigungslinie („Neckar-Enz-Stellung“) waren die Besonderheiten der Umgebung von Gundelsheim aufgefallen. Bedingt durch das Gelände und zwei Furten im Neckar erschien hier ein Panzerangriff möglich, der über das Neckartal hinaus und über die Offenauer Höhe ins Hinterland hätte vorstoßen können.

So wurden die ursprünglichen Planungen erweitert und der Bereich von Gundelsheim deutlich stärker befestigt, wobei auch Sonderbauten zum Einsatz kamen. In einem 6,5 km breiten Abschnitt zwischen dem Michaelsberg und der Offenauer Höhe wurden zwei Bataillonsabschnitte zusammengefasst, nämlich Gu (Gundelsheim) im Norden und Ba (Bachenau) im Süden. Zusammen wurden in diesem Doppelabschnitt 32 Bauwerke errichtet.

Zwischen dem Obergrießheimer Berg und Duttenberg schloss sich der Bataillonsabschnitt Duttenberg (Du) mit 30 Bauwerken an. Dieser umfasste auch acht Schartenpanzertürme und zwei Artilleriebeobachter. Im Abschnitt Ba wurde ein weiterer Artilleriebeobachter gebaut. Der hohe Anteil an Panzertürmen und Sonderkonstruktionen mit aufwändigen Panzerteilen überstieg die geplanten Baukosten deutlich. Die Militärplaner sahen in diesem Gebiet aber einen „Brennpunkt-Abschnitt“, an dem es zu entscheidenden Kampfhandlungen kommen könnte.

1935 wurden die Neckarstaustufen in Neckarzimmern, Gundelsheim und Horkheim fertiggestellt. In Ihrem Buch über die Neckarstaustufen von Paul Bonatz („Wasser_Werke“) schreibt Fernanda De Maio über Gundelsheim: „“Leider lassen sich keine Entwürfe aus der Bauzeit oder aus der unmittelbaren Nachkriegszeit mehr ausfindig machen.“ Es gibt aber mindestens ein Foto von der Einweihung der Gundelsheimer Staustufe in Till Kieners Buch „Gundelsheimer Bunkerwelten“. Dort ist auch das Hohlgangsystem und das in die Schleuse eingebaute Befestigungswerk beschrieben, mit dem die Festungsbauer den Versailler Vertrag brachen, denn es lag 1.000 m zu weit im Westen, als es nach dem Vertrag hätte sein dürfen.

Die Neckar-Enz-Stellung

Buch über die Neckar-Enz-Stellung in Gundelsheim. Das Foto zeigt einen Blick in das Hohlgang-System bei der Schleuse.

Inwieweit die Festungsbauer mit Bonatz zusammenarbeiteten ist nicht dokumentiert, aber bis zu einem gewissen Punkt muss es eine Kooperation gegeben haben, denn er musste die Gebäudedimension so gestalten, dass die zivile Nutzung des Kraftwerks gewährleistet war und andererseits die als „zivile Luftschutzräume“ deklarierten Teile der Verteidigungsanlage darin Platz fanden, insbesondere ein 5 m tiefer Zugangsschacht zum Hohlgangsystem und der unmittelbar neben dem Kraftwerk gebaute MG-Schartenstand. Von diesem aus konnte der Neckar Richtung Böttingen abgedeckt werden. Insgesamt bestand die Anlage aus vier verbundenen Hohlgängen mit zwei Kampfräumen und einem Eingangsbauwerk. Sie sollte mit 26 Mann besetzt werden.

Nach dem Baustopp für die Neckar-Enz-Stellung wurden die Bauwerke zunächst betreut und von Wächtern instand gehalten. Nach Kriegsausbruch begann der Ausbau von Teilen der Bunker und die Verlagerung der Armierungsbestände aus den Armierungsschuppen zunächst an den Westwall und nach der Kapitulation Frankreichs an die Kanalküste. Im Verlauf des Krieges wurden auch große Teile des Telefonnetzes wieder ausgegraben und anderweitig verwendet, was die Anlage militärisch erheblich abwertete.

In den folgenden Jahren wurden einige der Bunker im Bereich Gundelsheim als Luftschutzräume für die Zivilbevölkerung genutzt, ehe ab Ende 1944 die Bunker von Festungspionieren inspiziert und auf ihre militärische Tauglichkeit untersucht wurden. Der Bewertung zufolge waren die Bauwerke technisch veraltet, unzureichend bewaffnet und die Wände und Decken zu schwach um modernen Waffen standhalten zu können.

Zum empfohlenen Neubau einer Verteidigungslinie westlich des Heuchelbergs kam es jedoch nicht mehr. Am 30. März 1945 sprengten deutsche Pioniere die Gundelsheimer Neckarbrücke. Die 2. Kompanie des SS-Panzergrenadier-Regiments 38 der 17. SS Panzergrenadierdivision (SS-PGR 38) hatte sich in den Weinbergen eingegraben. Sie wehrten zwei Angriffe der amerikanischen Infanterie ab und zogen sich nachts an den südlichen Ortsrand zurück. Bevor die amerikanischen Truppen in der Nacht zum 02. April mit Sturmbooten über den Neckar setzten, waren sie jedoch bereits aus Gundelsheim abgerückt, so dass die Stadt nach kurzen Verhandlungen übergeben und von den Amerikanern besetzt wurde.

Neckarzimmern 1958

Neckarzimmern mit Burg Hornberg 1958. Links im Bild die zerstörte Neckarbrücke. Die deutschen sprengten alle Brücken, um dem Gegner am Übergang über den Neckar zu hindern.  

Nach dem Krieg wurde die meisten Bunker gesprengt oder teilgesprengt. Viele Ruinen wurden im Laufe der Zeit abgetragen. Manche Bauwerke wurden übererdet. Auch das Hohlgangsystem an der Staustufe ist heute weitgehend zerstört.

Dennoch finden sich im Gelände noch immer einige Ruinen, die einen Eindruck davon geben, wie das Schlachtfeld Gundelsheim bei einem Angriff in den späten 1930er Jahren hätte aussehen können. Diese Überreste zeigen auch, was Gundelsheim letztlich erspart blieb. Die Befestigungen der Neckar-Enz-Stellung mit 62 Bauwerken in den drei Bataillonsabschnitten Gu, Ba, und Du waren für einen massiven Widerstand konzipiert, der auch die Abwehr eines Panzerangriffs vorsah. Bei einem solchen Kampfverlauf wäre das Festfahren eines gegnerischen Angriffs und der Übergang in einen Stellungskrieg eine mögliche Konsequenz gewesen. In diesem Fall hätte Gundelsheim ein ähnliches Schicksal erleiden können wie zahlreiche ostfranzösische Orte im Ersten Weltkrieg.

Und noch etwas blieb Gundesheim erspart. Während die ganze Region ab März 1944 zunehmend vom KZ-Außenlager Neckarelz und den zugehörigen Nebenlagern und Betrieben vereinnahmt wurde, war Gundelsheim kein Bestandteil dieses Netzes. Jedenfalls nicht direkt.

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