Feldpost: Meine liebe Irma …

Holger Förstemann (Hrsg.): Meine Liebe Irma… – Briefe in die Heimat – Briefe aus dem Krieg

Books on Demand, Norderstedt, 2011, ISBN 978-3842374621, Broschur, DIN A4

Allein im deutschen Feldpostbereich sind während des zweiten Weltkrieges 20 – 40 Milliarden Feldpostsendungen verschickt worden. Ein großer Teil davon ist inzwischen verloren, verbrannt, weggeworfen, auf Börsen verkauft.

Von Historikern werden Feldpostbriefe als schwierige Quellen eingestuft. Das liegt daran, dass sie zum einen sehr stark aus der jeweiligen persönlichen Situation heraus entstanden sind und dadurch weitgehend individuelle Themen in den Vordergrund stellen. Sie wurden ja auch nie mit dem Hintergedanken verfasst, dass sie eines Tages als wissenschaftliche Quelle herangezogen werden könnten.

Zum anderen war den Schreibenden klar, dass es eine systematische Zensur gab und auch klare Richtlinien, was geschrieben werden durfte und was nicht. So liegt der Informationsgehalt oft zwischen den Zeilen und hinter den gewählten Worten. Wer Feldpostbriefe wie Lyrik liest, findet eine enorme Bandbreite an Stimmungen und angedeuteter Information darin. Und dass dies von vielen ganz absichtlich so verfasst wurde kann als sicher angenommen werden. Diese Menschen sind viel mehr mit der klassischen Literatur aufgewachsen, als spätere Generationen. Ihr kultureller Horizont basierte ja nur auf Büchern, Zeitungen, Theater und dem Kino.

Holger Förstemann hat die gesammelten Feldpostbriefe des Luftwaffensoldaten Rudolf „Rudi“ Förstemann an seine Frau Irma nun undokumentiert veröffentlicht und gestattet so einen sehr privaten Blick auf die Kriegserlebnisse des in Norddeutschland, Frankreich und Holland eingesetzten Flak-Soldaten, der 1944 in britische Kriegsgefangenschaft ging.

Es beginnt mit dem 02.03.1938. Im Brief aus der Kaserne ist zu lesen „Ich sitze hier im Lesezimmer bei wunderbarer Musik“. Rudi berichtet von Mittagsruhe und einem Abstecher ins Café.

Der Kriegsbeginn wird nicht kommentiert, doch am 26. November 1939 schreibt Rudi mit sichtlicher Enttäuschung: „Nein ein Christabend ohne Dich, furchtbar, ich werde sehr traurig sein. Dieses Jahr ist es aber auch gar nichts (…).“ Es sollte nicht seine letzte Weihnacht ohne die Familie bleiben. Ein durchgehendes Thema sind die Päckchen aus der Heimat. Anfangs schickt Irma sogar so viele, dass der Vorgesetzte sein missfallen äußert. Dass die Versorgungslage der Wehrmacht schon zu Beginn des Krieges nicht üppig ist, geht aus Rudis Briefen klar hervor: „Wir bekommen hier sonst ganz gutes Essen, ich komme auch aus damit, man darf nur nicht zuviel aufstreichen, sonst ist es bald alle.“ (08.01.1940). Der Dienst an der Küste ist kein Zuckerschlecken: „es ist auch schon 24 Uhr. (…) Wir kommen eben von draußen (…). Ein furchtbarer Sturm weht hier wieder.“ (27.03.1940).

Doch die Moral ist gut und sie wird mit dem Beginn des Westfeldzugs fast euphorisch: „Irma was sagst Du denn nun? Unsere Soldaten marschieren jetzt auch in Holland und Belgien ein; was erleben wir nicht alles, man sollte es nicht für möglich halten. Ich glaube doch bald, daß der Krieg nicht mehr allzu lange dauert.“ (10.05.1940).

In der Folge bleibt viel Platz für Privates. Und doch zieht sich auch die Hoffnung durch die Briefe, dass der Krieg bald vorbei sein wird, genauso wie die Enttäuschung, dass es kein Weihnachten zuhause gibt: „ … ob Du wohl auch die dritte Weihnacht allein sein musst.“ (29.10.1941) „Auf Weihnachten brauchst Du Dich nicht zu freuen“ (02.11.1941).

Das Wetter macht dem Soldaten schwer zu schaffen: „Ich bin auch immer erkältet (…). Bei dieser Kälte kann ja auch nichts besser werden“ (08.02.1942). Freilich lässt sich auch erkennen, dass dies nicht nur auf das Wetter zurückzuführen ist, sondern auf einen Tagesablauf der die Soldaten zwangsläufig auszehrt und anfällig macht. „… wir hatten so viel zu tun, und ich war immer so müde“ (16.02.1942). Und auch die immer schlechtere Versorgungslage ist offenkundig: „Wo holst du denn die Zigaretten her, gibt es die noch so, oder auch auf Raucherkarte.“ (23.04.1942).

Die Briefe dokumentieren einen regelrechten Warenverkehr zwischen Front und Heimat. Irma und Rudi versuchen am jeweiligen Standort das zu bekommen, was der andere derzeit eher schwer bekommt. So beschreibt er am 01.02.1943, wie er versucht, Gardinen zu bekommen, dass aber die Ware entweder sehr teuer ist, oder sie ihm nicht zusagt.

6 Jahre nach Beginn der Feldpost sucht Rudi Trost in der Vergangenheit: „Aber ich bin doch froh, daß wir einige schöne Stunden zusammen verlebt haben, und uns nicht erst 1939 kennen gelernt haben.“ (28.04.1944). Und ein Eintrag vom 17.05.1944 lautet: „Es ist überhaupt ein trostloses Leben hier“.

Die letzte Station ist Walcheren. „Wir liegen hier mit fünf Mann in einer alten Feldscheune“. (28.08.1944). Am 01. November 1944 landen die Alliierten auf Walcheren. Nach einer Woche erbitterter Kämpfe kapitulieren die letzten deutschen Soldaten. Rudi geht in britische Kriegsgefangenschaft.

Mit der Veröffentlichung dieser Feldpostbriefe seines Großvaters hat Holger Förstemann ein eindrückliches Dokument geschaffen, das trotz Zensur einen hohen Informationswert besitzt, wenn man es mit den historischen Fakten zusammenführt. Und es trägt auch dazu bei, die Sprachlosigkeit der Kriegsgeneration zu erklären, die von den nachfolgenden Generationen nicht verstanden wurde. Schon während des Krieges haben sie systematisch gelernt, nicht darüber zu sprechen, die alltäglichen Dinge, das Durchmogeln, das Sich-gegenseitig-Mut-Machen zum Thema zu machen. Das Trauma sollte nach dem Ende des Krieges in Ihrem Leben keinen Raum mehr haben.

Es ist zu wünschen, dass die Feldpostbriefe, vor allem wo sie noch in ganzen Beständen vorhanden sind, endlich die Würdigung erfahren, die ihnen gebührt: Als einzigartige individuelle Zeugnisse der Beteiligten, die man aus der jeweiligen Familiengeschichte nicht verbannen sollte.