Gundelsheimer Bunkerwelten

Till Kiener: Die Neckar-Enz-Stellung – Gundelsheimer Bunkerwelten

mit heimatgeschichtlichen Beiträgen von Leo Achtziger

Selbstverlag Till Kiener, 2002, ISBN 3-00-010420-8, Broschur, 88 Seiten DIN A5

Wer entlang des Neckars und der Enz wandert, findet immer wieder kleinere Betonruinen. Manche davon sind durch ihre Lage der örtlichen Bevölkerung noch recht gut bekannt, andere sind längst in Vergessenheit geraten, nur durch Zufall oder alte Karten auffindbar. Viele gibt es gar nicht mehr. Doch kaum jemand, der eine solche Ruine zufällig findet, weiß, dass es sich sehr wahrscheinlich um ein ehemaliges Bauwerk der Neckar-Enz-Stellung handelt, die ab 1924 als Reaktion auf den Versailler Vertrag geplant wurde. Aufgrund politischer Entscheidungen wurde die Verteidigungslinie erst ab 1935 realisiert und bis 1938 fertiggestellt. Zu diesem Zeitpunkt war das Konzept bereits überholt und die Anlagen oft unterdimensioniert. 1945 waren dennoch Teile der Stellung in erbitterte Kämpfe verwickelt und verzögerten den amerikanischen Vormarsch um zwölf Tage.

In Zusammenarbeit mit Leo Achtziger hat Till Kiener die Geschichte der Neckar-Enz-Stellung im Raum Gundelsheim recherchiert und 2002 dieses Büchlein veröffentlicht. Es ist bis heute eine der wenigen Veröffentlichungen zu diesem Thema und eine wichtige Quelle für den überaus lesenswerten Artikel zum Thema bei Wikipedia.

Obwohl Till Kiener und Leo Achtziger nicht die komplette Neckar-Enz-Stellung ausführlich behandeln, sondern sich im Kern dieses Werks auf den Raum Gundelsheim beschränken, liefern sie eine Fülle von Informationen, die für die gesamte Verteidigungslinie gelten. Zahlreiche Grundrisse der unterschiedlichen Typen von Bunkern und Unterständen, Karten, historische und aktuelle Fotos lassen die Neckar-Enz-Stellung wieder jene Gestalt annehmen, die sie bis 1945 hatte.

Nach dem Krieg wurden die Bauwerke von den Amerikanern fast ausnahmslos gesprengt oder teilgesprengt (um Schäden an benachbarten Gebäuden zu vermeiden). Der Bevölkerung dienten sie anschließend als ergiebige Altmetallquelle, die beim Schrotthändler manches Zubrot erbrachte.

Das Buch läßt Zeitzeugen zu Wort kommen und zitiert einschlägige Dokumente. Die Autoren sparen nicht mit Details und ermöglichen dennoch die Einordnung der Anlage in die größeren Zusammenhänge. So etwa beim Bruch des Versailler Vertrages durch Einbau eines Hohlgangsystems in die Schleuse von Gundelsheim, weil dieses ca. 1000 m zu weit westlich lag.

Den größten Teil dieses Buchs nehmen die Beschreibungen der unterschiedlichen Einheitsbauten und einiger Sonderkonstruktionen ein, die vor allem im Raum Gundelsheim sehr zahlreich waren. Eine kurzen Geschichte der Entstehung der Neckar-Enz-Stellung und ein Abriss der Kämpfe in der Region gegen Kriegsende runden das Werk ab.

Die meisten Bauwerke der Neckar-Enz-Stellung waren verhältnismäßig klein. Sie waren für ein Heer ohne Luft- und Panzerwaffe konzipiert. Oft waren es MG-Schartenstände und andere Infanteriewerke. Mit der imposanten Größe zahlreicher Westwall-Bauten oder gar der Befestigungen des Atlantikwalls kann die Neckar-Enz-Stellung nicht konkurrieren. Das erklärt sich schon aus den historischen Gegebenheiten (Festungsbauverbot). Stattdessen setzten die Planer auf ein große Zahl von Bauwerken (450 Anlagen auf 86 km) und tiefe Staffelung im Raum.

Betrachtet man die abgebildeten Karten etwas näher, wird erkennbar, dass diese Verteidigungslinie auf ihre Art durchaus beeindruckend war. Trotz der fast flächendeckenden Sprengungen gibt es auch heute noch etliche Überreste, die sich zu entdecken lohnen. „Diese Bauwerke sind Denkmale für die damalige[n] militärische[n] Verteidigungsanlagen und leisten einen positiven Beitrag zur Bildung eines zeitgemäßen Geschichtsbewusstseins“, schrieb Gundelsheims Bürgermeister Lothar Oheim im Grußwort zu diesem Buch. Zutreffender hätte man es kaum zusammenfassen können. Mit ihrer Arbeit haben Till Kiener und Leo Achtziger diese Denkmale dem Vergessen entrissen.

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2 Antworten zu Gundelsheimer Bunkerwelten

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