Zwangsarbeit und Massensterben

M_Scheck_Vaihingen

Manfred Scheck: Zwangsarbeit und Massensterben  Politische Gefangene, Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in Vaihingen an der Enz 1933 bis 1945
Metropol Verlag, Berlin, 2014, ISBN 978-3-86331-200-8, 296 Seiten

Mit ca. 3.500 Einwohnern war Vaihingen an der Enz ein eher verschlafenes Städtchen. Mit Schloss Kaltenstein befand sich dort seit 1842 eine Haftanstalt, die 1872 in „Arbeitshaus für Männer“ unbenannt und 1930-32 durch einen neuen Zellentrakt erweitert wurde. Während des ersten Weltkriegs wurde vorübergehend französische und russische Kriegsgefangene dort untergebracht, 1923 sechs Männer, die in Zusammenhang mit den Hitler-Ludendorff-Putsch inhaftiert worden waren und 1924 elf Marokkaner, die während der Besetzung des Ruhrgebiets aus der französischen Armee desertiert waren. Ab 1933 stiegen die Registrierungen im „Arbeitshaus“ sprunghaft: 492 Neuzugänge 1933/34, darunter zahlreiche Kommunisten und andere politische Gefangene.

Waren hier 1939 354 Personen inhaftiert, von denen 26 zu Tode kamen ging die Zahl der Häftlinge bis 1941 auf 260 zurück. Die Todesrate blieb konstant. Ab 1942 stiegen jedoch sowohl die Zahl der Häftlinge als auch die Zahl der Todesfälle bis 1944 542 Häftlinge im Schloss untergebracht waren von denen 111 zu Tode kamen. Die Ursachen waren Gewalteinwirkung durch die Wachen, Hunger und Entkräftung, Krankheiten und unterlassene Behandlung der Kranken.

Im Wohnhaus der Industriellenfamilie Hummel entstand ein Lager für Fremdarbeiter, die in der Trockengemüseproduktion der Fa. Hummel eingesetzt waren. Sie wurden den Umständen entsprechend gut behandelt. Mindestens elf Unternehmen in Vaihingen setzten Kriegsgefangene ein, die Liste wird aber als unvollständig angesehen. Die Kriegsgefangenen waren in der Regel vor Ort untergebracht.

Außerhalb des Schloss Kaltenstein hätte Vaihingen an der Enz bis Kriegsende wenig außergewöhnliche Nachrichten produziert, wäre da nicht der Steinbruch der Fa. Baresel nordwestlich der Stadt gewesen. Die in der Regionalgeschichte bislang kaum betrachtete Ruiter Außenstelle der Forschungsanstalt Graf Zeppelin des Reichsluftfahrtministeriums begann 1941 in diesem Steinbruch ein Projekt, das den Bürgern Vaihingens zunächst kaum verständlich war. Und die Beteiligten gaben sich alle Mühe, ihr geheimes Treiben im Steinbruch auch intransparent zu halten.

Mit einem Katapult schossen sie Stahlprojektile gegen die Felswand und maßen Geschwindigkeit, Beschleunigung und Druckverhalten im Katapult. Irgendwann kam ein zweiter Katapult hinzu, der technisch aufwändiger war. Ende 1943 wurden die Versuche eingestellt. Die Projektile hatten das Gewicht einer V1-Rakete und die Rampentests dienten der Erforschung des Startverhaltens dieses Marschflugkörpers. Die Vaihinger sollten das erst nach dem Krieg erfahren.

Anfang 1944 wurde sie Zeugen gewaltiger Aktivitäten. Ein Barackenlager wurde errichtet, das ganze Steinbruchareal mit einem Geflecht aus Feldbahngleisen überzogen, das mit dem Bahnanschluss des Steinbruchs gekoppelt wurde. Hunderte Fremdarbeiter und Sogenannte Volksdeutsche erschienen in der Stadt, dazu Facharbeiter der Organisation Todt.

Eine Fabrik sollte im Steinbruch entstehen. Auf dem Höhepunkt der Aktivitäten waren durch die Großbaustelle mehr Fremde als Einheimische in Vaihingen. Inzwischen war ein weiteres Lager errichtet worden und die Stadt wurde Zeuge der üblichen Begleitumstände Nationalsozialistischer Großbaustellen: Neben der ununterbrochenen Tätigkeit 24 Stunden an sieben Tagen die Woche auf der Baustelle permanente Verschiebe-Aktivitäten von Arbeitskräften, Einsatz von KZ-Häftlingen, die Brutalität der Wachmannschaften, Drohungen gegen jeden, der etwas für die Häftlinge tun wollte, Selbstherrlichkeit und Korruption bei SS und Mitarbeitern der Organisation Todt, das Zunehmen von Krankheiten.

Nach Luftangriffen der Alliierten und deren Vormarsch auf die Reichsgrenze am Rhein wurde die Baustelle Ende Oktober 1944 aufgegeben, deren Ziel ein Großbunker mit sechs Etagen und ca. 100 x 250 m Grundfläche gewesen wäre, in dem Teile für die Me 262 gebaut werden sollten.

Das KZ wurde jedoch keinesfalls aufgegeben sondern entwickelte sich erst jetzt vollends zum Alptraum seiner Insassen. Aus dem Lager für Bauarbeiter wurde das zentrale Sterbelager für die Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof. Von November 1944 bis März 1945 nahm es rund 2.500 kranke und arbeitsunfähige Häftlinge aus den anderen Lagern auf, ohne für deren ärztliche Versorgung ausgelegt zu sein. Die war letztlich auch nicht vorgesehen. So starben in diesem Zeitraum ca. 1.500 Häftlinge, die in Massengräbern verscharrt wurden.

Manfred Scheck hat bewusst nicht nur das KZ behandelt, sondern das Thema Zwangs- und Fremdarbeiter in Vaihingen / Enz insgesamt. Dass das KZ dabei den allergrößten Teil des Buches ausmacht liegt in der Natur der Sache.

Dabei hat Scheck auf viele generelle Aspekte des Themas KZ und Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen verzichtet, um sein Werk nicht zu überfrachten. Er verweist auf die entsprechende Literatur zu diesen Themen, was legitim ist. Es liegt letztlich kein Erkenntnisgewinn darin, wenn jede Publikation zu einem KZ oder KZ-Außenlager zusätzlich das KZ-System an sich und seine Bedeutung in der NS-Herrschaft beleuchtet.

Die wesentlichen Verweise liefert Scheck, er nennt alle Lager, mit denen das KZ Vaihingen in irgendeiner Verbindung stand und bietet eine ausführliche Liste aller Augenzeugenberichte und Darstellungen zum Thema. Sein Text macht deutlich, dass er die Quellen kritisch und penibel gegeneinander abgeglichen hat. Er zeigt auf, welche Aussagen widersprüchlich sind, welche nicht plausibel wirken oder eventuell nur Schutzbehauptungen darstellen.

So wird das Buch nicht nur ein hochgradig interessantes und zugleich ergreifendes lokalgeschichtliches Werk sondern auch ein interessanter Einblick in die Arbeit eines Historikers im Umgang mit einem Thema und den verfügbaren Quellen.

Dieses Bemühen um die historische Wahrheit macht freilich auch vor den Lokal-Politikern der Nachkriegszeit nicht Halt. Sie hatten lange Zeit nur wenig Interesse gezeigt, die Geschichte des KZ vor ihrer Haustür aufzuarbeiten und die Toten gebührend zu würdigen. Es dauerte bis 2002, bis der erste Bauabschnitt der Gedenkstätte eröffnet werden konnte. Der zweite Abschnitt folgte 2005, 60 Jahre nach Befreiung des KZ.