Flak in Karlsruhe

Obwohl sich die militärische Luftfahrt nach 1918 dramatisch weiterentwickelte, basierten viele Konzepte, Taktiken und Annahmen 1939 auf den Erfahrungen des 1. Weltkriegs, ergänzt um die Erkenntnisse aus den großen Luftmanöver Englands, Frankreichs und Italiens in den 1930er Jahren sowie den Erfahrungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg.

Für die deutsche Luftwaffe galten somit die Pulver- und Munitionsfabriken im Südwesten zu den besonders durch Luftangriffe gefährdeten und zugleich strategisch elementaren Industriestandorten, die besonders zu schützen waren.

Karlsruhe hatte 1914-18 14 Luftangriffe erlebt, bei denen 168 Menschen zu Tode kamen, so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. Der Rheinhafen und die Bahnverbindungen machten Karlsruhe zu einem regional bedeutenden Verkehrsknotenpunkt. Mit der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik in der Südweststadt und die Munitionsfabrik Genschow & Co. in den Galgenäckern war die Stadt ein wichtiger Produktionsstandort der deutschen Munitionsindustrie.

Solche Orte waren während des 1. Weltkriegs von allen kriegsführenden Staaten mit hoher Priorität angegriffen worden, in der Hoffnung, den Munitionsnachschub für die festgefahrenen Fronten unterbrechen zu können. Selbst die im Schwarzwald weitgehend versteckt liegende Pulverfabrik Rottweil war von Flugzeugen der Entente angegriffen worden.

Die Luftverteidigung Karlsruhes während des 2. Weltkriegs wirkte bereits während des Krieges für die Bevölkerung inkonsequent und nicht nachvollziehbar und sie ist auch aus heutiger Sicht schwer zu verstehen. Das liegt einerseits an konzeptionellen Kriterien und an Fehleinschätzungen, andererseits aber schlicht auch an Zwängen zur Priorisierung, die zumeist zum Nachteil Karlsruhes ausfiel.

Da sich in Karlsruhe die Bereiche des Westwalls, der Luftverteidigungszone West und der Luftverteidigung der Stadt mit den zugehörigen Scheinanlagen überlappten, sind die wenigen Bauzeugen, Ruinen und die erhaltenen militärischen Karten mit den verzeichneten Bauwerken alleine nicht ausreichend, um die tatsächliche Luftverteidigung während der Kriegsjahre nachzuvollziehen.

Luftverteidigungszone (LVZ) West

Mit der Konzeption der Luftverteidigungszone (LVZ) West als Abwehrzone nach Westen waren Städte wie Rastatt und Karlsruhe direkt innerhalb dieser Zone, wie auch innerhalb des Westwalls. Sowohl Heer als auch Luftwaffe errichteten im Rahmen ihrer Befestigungsvorhaben im Bereich dieser Städte entsprechende Stellungen.

Mit Beginn des Krieges im September 1939 begann die deutsche Luftwaffe (wie auch die britische) zunächst mit dem Anlegen von Scheinflugplätzen. Manche dieser Täuschungen wurden gezielt in der Nähe von Schweren Flakstellungen der LVZ West eingerichtet. Ab Anfang 1940 errichtete die deutsche Luftwaffe auch Scheinanlagen (vor allen Nachtscheinanlagen), die Ortschaften, Fabriken und Hafenanlagen imitieren sollten, um so Angriffe auf gefährdete Orte und Objekte auf diese Anlagen abzulenken.

In Karlsruhe wurden im Frühjahr 1940 drei Scheinanlagen errichtet: „Venezuela“ im Bereich des heutigen Campus Nord und der benachbarten Waldflächen, „Columbia“ beim Baggersee Weingarten und „Panama“ bei Ettlingen, bzw. wahrscheinlich eher zwischen Rheinstetten und Oberreut. Die Konzeption von „Panama“ als Industrieattrappe spricht für eine Einstufung der Karlsruher Munitionsfabriken als stark gefährdet. Auch im Schwarzwald waren zum Schutz der dortigen Waffen- und Zünderindustrie in Oberndorf, Rottweil und Schramberg Scheinanlagen errichtet worden.

Bereits ab Frühjahr 1940 kombinierte die deutsche Luftwaffe solche Anlagen mit Flak, um angreifende Flugzeuge nicht nur irre zu leiten, sondern diese auch bekämpfen zu können.
So war bis zum Frankreichfeldzug die Luftverteidigung Karlsruhes im Wesentlichen durch die LVZ West, drei Scheinanlagen und deren beigeordneter Flak, sowie durch punktuelle Ergänzungen abgebildet.

Auflösung der LVZ West

Nach der Kapitulation Frankreichs am 22. Juni 1940 war die gesamte deutsche Westfront in ihrer bisherigen Form entfallen und an die Kanalküste verlegt worden. Damit begann auch die Auflösung der LVZ West und generell die Abkehr von einer Strategie der Verteidigungszone zugunsten einer punktuellen Verteidigung von gefährdeten Orten.

In Karlsruhe war 1940 in Daxlanden zwischen der heutigen Lindenallee und der Römerstraße eine Flakstellung errichtet worden. Die LVZ-West-Stellungen auf dem Ringelberg und bei Dürrenbüchig blieben zunächst noch belegt. Der Wegfall des Frontstadt-Charakters machte sich allerdings schon bald bemerkbar. Ab Ende 1940 musste Karlsruhe immer wieder Flak nach Straßburg abgeben.

Da die befürchteten massiven Angriffe auf die Pulver-, Munitions- und Waffenindustrie im Südwesten ausgeblieben war, wurde deren Schutz zunehmend den Scheinanlagen überlassen. Im April 1941 zog die Luftwaffe die letzten schweren Flak aus Karlsruhe ab. Scheinanlagen und leichte Flak der Kaliber 2- und 3,7 cm gegen Tieffliegerangriffe wurden für ausreichend gehalten.

Die Entscheidung war insbesondere durch die zunehmende Zahl der Kriegsschauplätze motiviert. Ab Januar 1941 musste die Luftwaffe Verbände nach Sizilien verlegen, ab Februar waren deutsche Verbände in Nordafrika im Einsatz, ab April auch auf dem Balkan.

Ohne Schwere Flak

Für Karlsruhe war die Entscheidung fatal. In der Nacht vom 05. auf den 06. August 1941 griffen rund 100 britische Bomber die Stadt an. Obwohl der Angriff teilweise von den Scheinanlagen abgelenkt wurde, starben 33 Menschen. Das massive Abwehrfeuer der leichten Flak konnte wenig ausrichten, da die Bomber für sie zu hoch flogen.

Noch am 06. August wurde daraufhin die Eisenbahnflak Res.Batterie 224 nach Karlsruhe verlegt. Sie ging im Rheinhafen in Stellung und konnte in der darauffolgenden Nacht in die Abwehr des nächsten britischen Angriffs mit 31 Flugzeugen eingreifen. Die Geschütze feuerten 1.105 Schuß auf die Bomber, von denen einer abstürzte und mehrere ungenau abwarfen, bevor sie eilig abdrehten.

Zwar wurde die Eisenbahnflak wieder abgezogen, doch erhielt Karlsruhe wieder drei Schwere Flakbatterien mit 8,8 cm-Kanonen. Bei Fritschlach wurde eine neue Schwere Flak-Stellung errichtet.

Aufrüstung auf dem Papier

Im Mai 1942 wurde bei Linkenheim-Hochstetten und bei Leopoldshafen je eine Sperrfeuerbatterie mit 7,5 cm-Kanonen stationiert, nördlich und südlich der Scheinanlage „Venezuela“. Zwar liest sich der Bestand der Flakgruppe Karlsruhe zum 31.12.1941 mit 6 schweren und 2 Sperrfeuerbatterien, sowie 8 Batterien mittlere/leichte Flak beeindruckend, allerdings oblag der Flakgruppe auch der Schutz Straßburgs mit seinem Ölhafen, vor dem die Bedürfnisse Karlsruhes regelmässig zurücktreten mussten.

Durch den Ölhafen galt Straßburg als stärker gefährdet als Karlsruhe. Das Luftgaukommando VII errichtete daher je eine Scheinanlage, die Stadt und Bahnhof („Montevideo A“) und eine, die den Ölhafen („Montevideo B“) nachahmen sollte. Obwohl die RAF bereits am 19. August 1940 erstmals Raffinerien auf französischem Boden angriff, wurde Straßburg seitens der Alliierten erst ab 1943 als Ziel von Luftangriffen festgelegt. Auf die Straßburger Scheinanlagen fielen allerdings schon am 25. August 1941 erstmals Bomben.

So erlebte Karlsruhe am 03. September 1942 erneut einen schweren Angriff zu einem Zeitpunkt, an dem der Flakschutz zuvor heruntergefahren worden war. Zwar lag Schwere Flak vor Ort, aber die Verbände waren nicht mehr so zahlreich wie noch im Mai, als vereinzelten Bombern, die sich auf dem Weg nach Stuttgart verflogen hatten, ein massives Abwehrfeuer entgegengeschlagen war.

Am 03. September warfen die 152 Flugzeuge über 250 Spreng- und mehr als 70.000 Brandbomben. 73 Menschen starben, 711 wurden verletzt. Acht Bomber wurden abgeschossen.

Erneute Verstärkung

Unter dem Eindruck dieses Angriffs wurde die Luftverteidigung Karlsruhes erneut hektisch verstärkt, diesmal allerdings nachhaltiger. Unweit der Deutschen Waffen- und Munitionsfabrik ging zwischen dem Werk und dem Weinbrennerplatz eine Schwere Flakbatterie in Stellung. Ab Ende November 1942 stand in Neureut die 5./234 und die 3./506 wurde mit ihren 5 Kanonen eiligst aus der Flakschule vom Übungsschießen in ihre Stellung in Durlach zurückbeordert. Auch auf dem Turmberg (Rittnerthof) lag ein Schwere Batterie in Stellung. Beim Luftangriff am 06.12.1942 wurde Karlsruhe insgesamt von 20 Batterien Schwerer, Mittlerer und Leichter Flak verteidigt.

Im Jahr 1943 erlebte Karlsruhe nur zwei Angriffe mit jeweils einer einstelligen Zahl Bombern, die entweder als Störangriffe zu werten sind, oder eigentlich einer anderen Stadt galten.

Im Dezember 1943 wurden daher wieder mehrere Batterien abgezogen. Zugleich hatte die Luftwaffe die verbliebenen Kräfte teilweise reorganisiert. Am Stichkanal im Rheinhafen stand nun eine Schwere Batterie, die Batterie auf dem Turmberg blieb in Stellung und im Großoberfeld beim Gut Scheibenhardt war mit 3 Batterien zu je 6 Schweren Flak die größte Stellung in Karlsruhe entstanden. Auf dem Batterie-Gelände befindet sich heute der Golfplatz.

1944/45

Im Laufe des Jahres 1944 wurde auch im Bereich der Neuen Messe Flak zusammengezogen. Dort hatte die Luftwaffe für eine Scheinanlage zwei Schwere und eine Leichte Flakbatterie eingerichtet. Die Maßnahmen konnten freilich nicht verhindern, dass die Stadt weiter zerstört wurde. Die völlige Lufthoheit der Alliierten, bedingt durch eine immer schwächer werdende deutsche Jagdwaffe, konnte durch Flak alleine nicht gefährdet werden.

Von den meisten Flakstellungen ist heute nichts mehr zu sehen. Die meisten Stellungsstandorte sind inzwischen überbaut. Die Recherche anhand von historischen Karten und Luftbildern bleibt schwierig. Am Rheinhafen waren bereits Bunker des Westwall errichtet worden. Bei Gut Scheibenhardt hatte das Heer wohl bereits 1938 Artilleriestellungen geschaffen, deren gesprengte Trümmer dort bis heute zu finden sind. Auch im Bereich der neuen Messe sind noch nicht alle Bauwerke erklärt, die auf Luftbildern der Alliierten zu sehen sind, und die vor ihrer Beseitigung nach dem Krieg kartografiert worden waren.