Lambrecht und Osthus

In der Liste der Kulturdenkmale des Stuttgarter Stadtteils Sillenbuch findet sich auch  das 1938/39 errichtete Gebäude Landschreiberstr. 19, in dem die Schriftstellerin, Pazifistin, Frauenrechtlerin und SPD-Politikerin Anna Haag lebte. Das Wohnhaus steht nach § 2 DSchG unter Denkmalschutz als Beispiel des Heimatstils / der Stuttgarter Schule 1920–1945. Als Architekt zeichnete Heinrich Osthus verantwortlich, der ebenfalls in Sillenbuch wohnte und dort auch sein Architekturbüro hatte.

Osthus baute aber nicht nur Wohnhäuser. 1937 veröffentlichte er im Verlag Karl Hahn in Stuttgart das Buch „Neugestaltung der Industriebauten“ als Sonderdruck einer zuvor in „Bauplatz und Werkstatt“ erschienen Arbeit. Die Publikation dokumentiert ein geplantes Neubauprojekt für die Westfälische Fleischwarenfabrik in Isselhorst. Neben der möglichst effizienten Anordnung der Raum- und Arbeitsfolge – einem Thema, das sich mit seinem Namen untrennbar verbinden sollte -, beschäftigte sich Osthus darin auch mit generellen Fragen zur Effizienzsteigerung der Arbeit durch funktionalere Gerätschaften und Gebäude, sowie zur Skalierung moderner Industriebauten im Vergleich zu gewachsenen Industriearealen.

Ebenfalls in Sillenbuch wohnte der Architekt Arno Lambrecht, der sich in den 1930er Jahre vor allem mit Innenarchitektur beschäftigte und auch wiederholt in der Zeitschrift „Moderne Bauformen“ des Stuttgarter Verlags Julius Hofmann publizierte. In Ausgabe 10/1935 findet sich unter der Rubrik „Wohnräume, Möbel, Geräte“ sein Beitrag „Eine Wohnung“. In Ausgabe 7/1939 publizierte er zum Themenbereich „Raumkunst“ den Beitrag „Räume u. Möbel. Verwaltung, Ladenbau, Fabrikanlagen“. Somit arbeiteten beide Architekten sowohl im Wohnungs- und Siedlungsbau, als auch für die Industrie.

Spätestens ab Anfang 1944 taucht ihr Name gemeinsam bei Projekten der Luftwaffe und der Firma Messerschmitt auf. Zwischen 1944 und 1945 waren Lambrecht und Osthus am Bau von mindestens drei KZ-Betrieben in der Region Stuttgart führend beteiligt. Sie gehörten damit zu den bevorzugten Architekten des Jägerstabs im Großraum Stuttgart.

KZ Leonberg

Die Arbeiten am KZ Leonberg begannen im März 1944. Unter dem Decknamen „Reiher“ wollte die Fa. Messerschmitt im Engelbergtunnel eine unterirdische, bombensichere Fabrik für Tragflächen für die Me 262 einrichten. Die für die Produktion gegründete Tarnfirma erhielt den Namen „Presswerk Leonberg“.

Vorauskommandos aus dem KZ Natzweiler-Struthof stellten auf der „Barwiese“ zwischen der Seestraße und der Reichsautobahn Holzbaracken aus Fertigteilen auf. Es waren der Quellenlage zufolge offenbar „Mannschaftshäuser“ des Reichsarbeitsdienstes.

Diese Barackensiedlung war von den mit der Planung betrauten Architekten Lambrecht und Osthus als Provisorium gedacht. Als „altes Lager“ blieb es aber bis zur Auflösung des KZ Leonberg das Hauptlager. Die Holzbaracken sollten durch das „neue Lager“ aus massiven Steinbauten ersetzt werden, die zwar noch belegt, aber bis Kriegsende nicht mehr komplett fertig wurden. Die Fertigstellung erfolgte nach Kriegsende. Die Gebäude wurden bis ins 21. Jh. hinein vom Samariterstift für das Senioren- und Pflegeheim genutzt, und schließlich durch Neubauten ersetzt.

Die Dyckerhoff & Widmann AG errichtete Anfang 1944 in der Römerstraße ein Betonwerk. Die dort eingesetzten Zwangsarbeiter fertigten die Betonformsteine und -platten für die Massivbauten des „neuen Lagers“, sowie die Deckenelemente für die Zwischendecke in den Tunnelröhren. Lambrecht und Osthus könnten also Aufträge für das KZ Leonberg bereits Ende 1943 erhalten haben. 

Das KZ Leonberg produzierte bis März 1945 Tragflächen für die Me 262, die überwiegend zur Montage in das Waldwerk Schwäbisch Hall Hessental geliefert wurden. Anfang April wurde es geräumt, am 15. April wurde der Tunnel gesprengt.

Neben den Arbeiten für das KZ zeichneten Lambrecht und Osthus für mindestens einen Luftschutzstollen in Leonberg verantwortlich, der 1944 gebaut wurde. Nach dem Krieg waren die Zugänge verschlossen worden. Der Stollen wurden 2018 bei Bauarbeiten wieder teilweise freigelegt und dann beseitigt.

KZ Vaihingen/Enz

1942 begannen im Steinbruch der Firma Baresel nordwestlich von Vaihingen die Montagearbeiten für eine Testanlage unter der Leitung der 1941 in Ruit eingerichteten Außenstelle der Forschungsanstalt „Graf Zeppelin“ des Reichsluftfahrtministeriums.

Die Anlage bestand im Wesentlichen aus einem Katapult, mit dem Schleuderversuche durchgeführt wurden. Diese simulierten den Startvorgang einer Flugbombe Fi 103, die allgemein als V1-Rakete bekannt wurde. War zunächst eine sogenannte Walter-Schlitzrohrschleuder installiert worden, so bauten die Ingenieure aus Ruit später ein Original Heinkel-Katapult mit 48 m Länge und 6 m Höhe in Vaihingen-Enz auf.

Die Versuche wurden Anfang 1944 eingestellt, im Februar wurden die Katapulte gesprengt. Ab März begannen die Bauarbeiten für das Projekt „Stoffel“.

Die Architekten Lambrecht und Osthus lieferten die Planungen für einen sechsstöckigen Fabrikbunker mit einer 3,5 m dicken Stahlbetondecke, der in den Baresel-Steinbruch eingebaut werden sollte, um verschiedene Fertigungsschritte für Komponenten der Me 262 dort zusammenzuführen. Der Jägerstab hatte den Bau mehrerer Großbunker für die Fertigung des Düsenflugzeugs beschlossen, um den beträchtlichen logistischen Aufwand der weit verstreuten Komponentenfertigung und die Anfälligkeit der Lieferkette für Luftangriffe zu reduzieren.

Für den Bau der Bunkerfabrik entstand am Egelsee ein Lager aus 11 Baracken für die Angehörigen der Organisation Todt. Ein weiteres Lager wurde im unteren Glattbachtal errichtet, das von der Firma Baresel den Decknamen „Wiesengrund“ erhielt. Hier wurde der größte Teil der insgesamt 1.510 ausländischen Arbeitskräfte der Baustelle untergebracht. Es handelte sich vor allem um Russen (836) und Polen (388).

Die Großbaustelle blieb den Alliierten nicht verborgen. Ab Spätsommer 1944 setzten Luftangriffe mit Jabos ein, die in niedriger Höhe Bomben auf die Baustelle warfen und vor allem die Arbeiter mit Bordwaffen beschossen. Im Augst wurden die Russen und Polen durch 2.187 jüdische Häftlinge aus dem KZ Radom ersetzt.

Durch die anhaltenden Luftangriffe, aber auch infolge der unrealistischen Zeitplanung, geriet das Projekt immer mehr in Verzug. Auch war abzusehen, dass die Alliierten eine Fertigstellung des Fabrikbunkers mit allen Mitteln verhindern würden. Ende Oktober 1944 wurden die Bauarbeiten an „Stoffel“ eingestellt. Das KZ Vaihingen/Enz blieb bis zur Befreiung durch französische Truppen am 07. April 1945 als Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof bestehen.

Schwäbisch Hall

Im April 1944 verlegte die Fa. Messerschmitt eine Gruppe von 15 Facharbeitern mit den Montageteilen für 4-5 Me 262 zum Flugplatz Schwäbisch Hall. Der Abordnung wurde dafür eine Flugzeughalle zugeteilt. Bereits am 1. Mai folgte die zweite Kolonne, zu der auch bereits russische Zwangsarbeiterinnen gehörten.

Im gleichen Monat tauchte der Name „Autobedarf G.m.b.H.“ in Schwäbisch Hall auf. Es war der Deckname für die Aktivitäten der Fa. Messerschmitt vor Ort. Am 24. Mai startete erstmals eine in Schwäbisch Hall gefertigte Me 262 auf dem dortigen Flughafen.

In der Zwischenzeit hatten die Luftwaffe, Messerschmitt und der Bürgermeister von Schwäbisch Hall, Wilhelm Prinzing, Gespräche zum Bau einer getarnten Produktionsstätte in einer Waldschleuse geführt, die anteilig auf Markung Hessental und Sulzdorf entstehen sollte.

Das Bauvorhaben wurde in zwei Abschnitte unterteilt, die das Haller Bauunternehmen Härer unter den Decknahmen „Reiher I“ und „Reiher II“ realisierte. Die federführenden Architekten waren Lambrecht und Osthus. Die für den Bau eingesetzten Zwangsarbeiter wurden im ehemaligen RAD-Lager Hessental neben der Bahnlinie untergebracht.

Im Sommer 1944 drängte die „Autobedarf G.m.b.H.“ darauf, ihre Belegschaft und die Produktion hochzufahren. Am 19. Juli notierte Bürgermeister Prinzing, dass die Firma „ihren Arbeiterstand auf 1.000 erhöhen will.“ Am 16. August sah er sich mit Forderungen nach weiteren Unterkünften konfrontiert, da der Flughafen keine mehr bereitstellen konnte. Nun sollten auch mehrere hundert „Kriegsgefangene und Ostarbeiter“ beschäftigt werden. Messerschmitt wollte die Belegschaft auf 1.200 Personen erhöhen.

Zur exakten Zahl der Mitarbeiter des Waldwerks gibt es unterschiedliche Angaben. Selbst 50 weibliche Angehörige des RAD waren hier im Produktionseinsatz. Von den insgesamt knapp 1.500 an die Luftwaffe ausgelieferten Me 262 wurden 460 in Schwäbisch Hall montiert.

Arno Lambrecht machte sich nach dem Krieg als Möbeldesigner einen Namen. Stühle, Sessel und Bänke von ihm werden bis heute für dreistellige Beträge gehandelt.