Wilhelm Murr 1933 – 1945

Wilhelm Murr war der NSDAP-Gauleiter Württembergs. Am 6. Mai 1933 wurde er mit dem neugeschaffenen Amt des Reichsstatthalters in Württemberg betraut. Zum Kriegsbeginn im September 1939 kam noch das Amt des Reichsverteidigungskommissars für den Wehrkreis V hinzu. Durch diese Funktionen hatte er erheblichen Einfluss auf die regionale Politik und Wirtschaft.

Der am 16. Dezember1888 in Esslingen geborene Sohn eines Schlossermeisters stammte aus einfachen Verhältnissen. Bereits vor dem ersten Weltkrieg wandte er sich deutschnationalen und offen judenfeindlichen Weltanschauungen zu. 1922 trat er in die NSDAP ein, wo er sich schnell mit viel Einsatz einbrachte und aus seinen Ambitionen keinen Hehl machte. Er war von Hitler fasziniert, der für ihn messianischen Charakter besaß und mit dessen Weltbild er sich bis zuletzt komplett identifizierte.

Murr wird allgemein eher als Propagandist beschrieben, denn als echter Macher. Er investierte die meiste Energie in seine Karriere und in die Wiedergabe von Hilters Propaganda und Ideologie. Er repräsentierte gerne, inszenierte die Partei, die Bewegung und sich selbst. Das Alltagsgeschäft, auch das der Unterdrückung und Gewalt, interessierte ihn wenig. In diesem Bereich entwickelte er kaum eigene Initiativen, setzte aber stets treu und mit Überzeugung um, was an ihn herangetragen wurde. In einem Tagebucheintrag vom Joseph Goebbels vom 31.07.1933 bezeichnet dieser Murr als „Parvenü“.

Mit den führenden NS-Beamten wie Ministerpräsident Christian Mergenthaler und Stuttgarts Oberbürgermeister Strölin verband ihn während der gesamten NS-Zeit eine unversöhnliche Rivalität. Beiden Beamten war Murr intellektuell nicht gewachsen. Die beiden Verwaltungsfachmänner konnten immer wieder Maßnahmen gegen seinen Willen durchsetzen, die verwaltungstechnische Vernunft vor Ideologie stellten.

So nimmt es kein Wunder, dass Murr und Strölin in Bereich des Luftschutzes weitgehend einig waren. Murr hatte auch die optische Anpassung der Bunker an die Umgebung favorisiert, der die Bunker in der Sicktrasse und im Wolfbusch ihre Natursteinverkleidung verdanken und sich 1940 für eine zügige Entschädigung der Betroffenen von Bombenangriffen stark gemacht. Mit den 1943 einsetzenden schweren Bombardements musste er freilich umdenken und setzte die Priorität nun vollkommen auf den Bau von Schutzräumen. Reparaturen waren nur noch im Bereich des Notwendigsten gestattet. 1943 kamen beide Politiker überein, erste Evakuierungen und Umsiedlungen einzuleiten, die die Zahl ziviler Opfer bei schweren Luftangriffen reduzieren sollten. Für Stuttgart wurden diese Maßnahmen in erheblichem Umfang durchgeführt. Mitte Oktober 1943 waren 19.000 Schüler aus Stuttgart „evakuiert“. Im März 1944 wurden in der Stadt zahlreiche Einwohner in weniger dicht besiedelte Bezirke umgesiedelt. Diese Maßnahme wurde in vielen Städten praktiziert, am 07.09.1944 vom Reichsinnenminister jedoch ausgesetzt. Als die Heilbronner NSDAP am 29. September auf eine Umsiedlung der dortigen Bevölkerung drängte, lehnte Murr ab, sehr wahrscheinlich, weil er wie so oft die Weisungen aus Berlin bedenken- und kritiklos weiterreichte. Diese Weigerung war mit ein Grund für die fast 6.000 Toten, die der Angriff auf Heilbronn am 04.Dezember 1944 forderte. Unter dem Eindruck dieser Katastrophe ließ Murr die Ulmer Bevölkerung nun umsiedeln. Gerade rechtzeitig. Der Angriff auf Ulm am 17. Dezember war ähnlich schwer wie der auf Heilbronn. Die Zahl der Toten war aber um ca. 75% niedriger.

Murr war auch für die Industrieverlagerungen zuständig. Seine oft selbstherrlichen Entscheidungen ließen immer wieder mangelnde Kompetenz erkennen und führten zu Reibereien mit den Unternehmen, die sich von Murr nicht ausreichend unterstützt fühlten.

Zum Eklat mit Stuttgarts OB Strölin kam es im April 1945, als dieser die Stadt kampflos übergeben wollte. Murr lehnte ab und forderte die Verteidigung bis zuletzt. Seinen ursprünglichen Plan die Bevölkerung komplett zu evakuieren und die Stadt zu zerstören hatte er freilich im März 1945 aufgegeben. Am 19. April setzte er sich aus Stuttgart ab. Der Kampf um Stuttgart fand nicht mehr statt. Am 13. Mai 1945 wurden er und seine Frau von französischen Truppen  bei Schröcken in der Nähe von Bludenz verhaftet. Sie gaben falsche Namen an. Am 14. Mai 1945 begingen beide mit Giftkapseln Selbstmord. Ihre wahre Identität wurde erst knapp ein Jahr später festgestellt.

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