Stuttgart-Rot, Hohlgraben

In Folge der Industrialisierung wuchs die Bevölkerung in Stuttgart und den angrenzenden Städten erheblich. So nahm die Bevölkerung der Stadt Zuffenhausen von 1910 – 1925 um 3.000 Einwohner zu. Das entsprach einer Zunahme um ca. 30% Der Wohnraummangel war damals wie heute vor allem für Geringverdiener eklatant. Um Abhilfe zu schaffen, wurden Neubaugebiete ausgewiesen, wo auch möglichst kostengünstige Gebäude erstellt werden sollten. Ein solches Projekt war die Bebauung des Gewanns Pliensäcker in Nachbarschaft zum Friedhof, unweit des Feuerbachs gelegen.

Am Abschnitt des Feuerbachs zwischen Zuffenhausen und Zazenhausen lagen damals die Latrinengruben Zuffenhausens, ein Schweinemastbetrieb, Gärtnereien und am Anstieg zum Rotweg ein Steinbruch.

Die Stadt Zuffenhausen hatte schon bald nach Ende des 1. Weltkriegs erkannt, dass sie insbesondere ihre finanziellen Probleme auf Dauer nicht alleine würde lösen können. Ab 1921 wurde entweder der Zusammenschluss mit der Stadt Feuerbach oder mit Stuttgart diskutiert. Durch den 1927 geschlossenen Vertrag mit der Reichswehr zur Nutzung des Areals am Burgholz über das Tapachtal bis zur Bahnlinie und zum Feuerbach als Exerzierplatz, der vor allem auf Initiative der Stadt Stuttgart besiegelt worden war, rückte der Zusammenschluß mit Stuttgart immer näher. Er wurde 1930 per Volksabstimmung beschlossen und zum 01.04.1931 vollzogen.

Neubausiedlungen am Feuerbach

Die Gebiete Pliensäcker und Rotweg lagen außerhalb des Exerzierplatzes. Im Gewann Pliensäcker wurden 1928 die ersten vier Gebäude mir günstigen Kleinwohnungen errichtet. Bis 1935 enstanden dort weitere Gebäude. Die Siedlung blieb ein Sitz für kinderreiche und einkommensschwache Familien. Unter gänzlich veränderten Bedingungen begann die Stadt Stuttgart 1937 am Rotweg mit dem Bau einer Siedlung, die im Wesentlichen dem Siedlungskonzeptionen der Nationalsozialisten entsprach: Kleine, weitgehend gleichförmige Siedlungshäuschen als Doppelhaushälften oder alleinstehend, mit kleinen Gärten, die den Selbstversorgungsanteil erhöhen sollten, einen zentralen Platz im Kern der Siedlung und Anschluss an eine Durchgangsstraße (Rotweg), die aber nicht in die Siedlung integriert wurde. Diese Bebauung reichte bis fast an den Exerzierplatz heran.

Waren die Bewohner der Pliensäcker aus Sicht der NS-Machthaber eher als unzuverlässig eingestuft, was bei einer generell starken Orientierung Zuffenhausens zu SPD und KPD wenig verwunderlich war, so legte die NSDAP beim Projekt Rotwegsiedlung wie generell bei solchen Neubausiedlungen einen großen Wert auf Parteinähe. Durch die Eingemeindungen Zuffenhausens und Feuerbach-Weil im Dorfs (1933) wurde letztlich auch der eklatante Wohnungsmangel der drei Städte vereinigt. Der größte Vorteil für das neu entstandene „Groß-Stuttgart“ bestand in der Tatsache, dass die eingemeindeten Städte relativ viel erschließbare Siedlungsfläche mitbrachten. Bei Neubausiedlungen sollte nun die eigene Klientel bevorzugt profitieren.

Luftschutzstollen im Steinbruch

Anders als in Feuerbach und Cannstatt wurden in Zuffenhausen keine zivilen Luftschutzbunker gebaut. Ein Grund mag gewesen sein, dass die meisten kriegswichtigen Industriebetriebe und auch die Bahnlinien an den Grenzen zu Feuerbach und Stammheim lagen. Am Feuerbacher Bahnhof war bereits 1939 ein Winkelturm für Bahnpendler gebaut worden, Richtung Stammheim lagen kaum Wohngebiete, die Fabriken hatten Luftschutzkeller.

Als sich im Verlaufe des Krieges zeigte, dass diese Maßnahmen nicht ausreichten, wurden in Zuffenhausen mehrere Luftschutzstollen für die Zivilbevölkerung gebaut. Auch für die Bewohner der Siedlungen Malberg und Rotweg wurde ein Stollen angelegt. Er wurde im heutigen Gewann Hohlgraben im Steinbruch der Familie Siegel in den Muschelkalkfels getrieben. Der Stollen hatte vier Zugänge, eine Grundfläche von 554 Quadratmetern und eine Überdeckung von ca. 20 m. Wie bei solchen Stollen üblich, wurden die Decken und Felswände nicht verkleidet, da der Muschelkalk eine ausreichende Festigkeit aufwies. Es gab Trockentoiletten, Holzpritschen und immerhin ein Radio, mit dem man auch die Fluko-Meldungen hören konnte. Die Anordnung der Eingänge in der Hauptwindrichtung erschwerte allerdings die Belüftung, so dass einerseits der Wind von Zuffenhausen her immer wieder auch Rauch und Brandgase in Richtung des Stollens trieb und andererseits die Feuchtigkeit nicht ausreichend aus dem Stollen transportiert werden konnte, so dass immer wieder Wasser von der Decke tropfte.

Zum Bau wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Deren Verpflegung wurde den Frauen vom Malberg aufgetragen, wo ein Haus jeweils für eine Woche für die Arbeiter zu kochen hatte, dann war das nächste Haus dran. Neben den Bewohnern der Siedlungen am Malberg und Rotweg begaben sich auch Zivilbedienstete der Grenadierkaserne und die Menschen aus den umliegenden landwirtschaftlichen und sonstigen Kleinbetrieben in diesen Stollen.

Nach Luftangriffen auf Zuffenhausen sammelte der SHD die Blindgänger im Steinbruch Siegel, bevor sie zerstört wurden.

Durch Luftangriffe wurden während des Krieges in der Rotwegsiedlung drei Häuser zerstört und in der Malbergsiedlung die Dächer sämtlicher Häuser abgedeckt. Dies waren „Kollateralschäden“ bei den Angriffen auf die Industriegebiete Zuffenhausen und Feuerbach.

Nachkriegszeit

Nach dem Krieg wurden die Häuser am Malberg instand gesetzt. Die Bewohner konnten ihre Häuser danach weiterhin benutzen. Allerdings entstand zum Feuerbach hin in der Nachkriegszeit noch eine wilde Siedlung aus Bracken und Wohnwägen die bis in die 1970er Jahre bestehen blieb und den schlechten Ruf der Siedlung mit festigte.

Der Rotwegsiedlung wurde zunächst die NS-Siedlungspolitik zum Verhängnis. Wie auch andere nach 1933 gebaute Siedlungen wurde sie von den Alliierten zwangsgeräumt. Die Besatzungsmächte entschieden, dass die Bewohner von NS-Siedlungen ihre Häuser für Displaced Persons zu räumen hatten. Die jeweilige persönliche Biografie der Siedler wurde dabei nicht berücksichtigt. Man brauchte schnelle Lösungen. So lebten am Rotweg zwei Jahre lang ehemalige Zwangsarbeiter, bevor die Siedler zurückkehren konnten. Mehrere Prozesse um die Rückkehr der Siedler, bzw. das Verbot zur Rückkehr und später auch um eine Entschädigung für die erzwungene Zwischennutzung machten die Siedlung bundesweit bekannt.

Da die US Army zwar die Kasernen am Burgholzhof übernahm, aber vom Exerzierplatz lediglich das Burgholzhof-Areal benötigte, konnte die Stadt Stuttgart in den 1950er Jahren dort mit dem Bau von Wohnungen beginnen. So enstanden in direkter Nachbarschaft zu Malberg- und Rotwegsiedlung neue Wohnblocks, vor allem für Flüchtlinge, Vertriebene und Aussiedler, von denen viele zum Teil Jahre im ehemaligen Zwangsarbeiterlager Schlotwiese gelebt hatten, das nach 1945 Zuffenhausens größtes Barackenlager für diese Menschen war.

An der neu geschaffenen Kreuzung Rotweg/Schozacher Straße trafen fortan drei unterschiedliche Siedlungskulturen aufeinander. Die nach wie vor schlecht beleumundete Malbergsiedlung, die durch ihre Geschichte lang Zeit sehr abgeschlossene Rotwegsiedlung und die neuen Wohnblocks, wo bis 1960 15.000 Menschen untergekommen waren, und die so einen neuen Stadtteil verkörperten, der 1961 den Namen Rot erhielt. Der historische und gesellschaftliche Bruch zwischen diesen drei Teilsiedlungen, die nun offiziell alle zum Stadtteil Rot gehörten, wirkte noch bis in die 1970er Jahre nach.

Der Luftschutzstollen im Steinbruch Siegel verschwand bereits in den 1950er Jahren. Der Steinbruch wurde mit dem Aushub für die neuen Wohnblocks aufgefüllt. An seiner Stelle liegen heute Schrebergärten.

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