Spratzel Strull – Badstrasse

In den frühen 1970er Jahren hatten Spratzel Strull ihren Übungstraum im Hochbunker Badstraße an der Rosensteinbrücke. Der damalige Schlagzeuger der Band, Hardy Sikler, schrieb die Bandgeschichte auf und veröffentlichte sie 2008 als Buch unter dem Titel „Spot on! – Mit einer Stuttgarter Band durch die wilden 7oer Jahre.“

Das Buch gibt es hier. Den folgenden Auszug aus dem Buch veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung von Hardy Sikler.

Die zu Beginn der Leseprobe diskutierte Single Euphrat und Tigris ist bei Amazon als Download erhältlich.

„Jungs, ich sag‘s euch, die Aufnahmen sind nicht zu gebrauchen!“ Wipfl, der immer rührige Manager, kam in den Proberaum gestürmt und rang sichtbar um Fassung. „Der Aufnahmeleiter muss im Tiefschlaf gewesen sein. Wir hätten doch das Studio für eine Single-Aufnahme gebucht! Euphrat und Tigris dauert aber fünf Minuten und fünfundvierzig Sekunden!“

Er blickte angriffslustig in die Runde. Da jedoch niemand das Wort ergriff, fischte er sich eine bereits geöffnete Flasche Bier vom Tisch und nahm einen tiefen Schluck. „Bääh, pfui Teufel!“ Er spuckte die im Abgang unangenehme Flüssigkeit aus und stürzte aus dem Proberaum. Ein übles Gewürge, Gespucke und Gejammer drang vom Gang herein. Alle sahen sich verwundert an, nur John, der zur Zeit im Bunker nächtigte, schnallte wortlos seine Gitarre ab, griff sich eine Flasche Sprudel und verließ augenzwinkernd den Proberaum. Zuerst war nur ein Gurgeln hörbar. Dann ein Murmeln und schließlich die fast überschlagende Stimme des Managers. „Du Sau, du Schwein, Drecksack elender, ich bring dich um!“

Besorgt rannten die Bandgenossen nach draußen. „Spinnt ihr jetzt völlig, was ist denn los?“ Wieder einmal übernahm Paul den Part des Schlichters.

„Was los sein soll?“ Hochrot im Gesicht griff Wipfl den Gitarristen an: „Das Ferkel hier hat vor lauter Faulheit gestern Nacht in diese Bierflasche gestrullt.“ Angewidert warf er die Flasche, die er noch immer in seiner Hand hielt, zu Boden. Sie zerbarst in hunderte von Scherben und hinterließ einen hässlichen Fleck auf dem Beton.

„Mann John ist das wahr?“ Die meisten hatten zwar ein Grinsen im Gesicht verzichteten aber auf einen Kommentar, da ihr Manager sich offenbar nicht beruhigen wollte. Lautes Klopfen an der eisernen Bunkertüre lenkte die Streithähne ab.

„Ja“, noch immer in Rage entriegelte Wipfl die schwere Eisentür und blickte in die strengen Gesichter zweier Polizisten.

„Guten Abend, uns liegt eine Anzeige vor, die das widerrechtliche Nächtigen einer männlichen Person mit weiblichem Anhang in diesem Bunker beinhaltet. Welcher der hier anwesenden Personen hat in der Nacht von Montag auf Dienstag vergangener Woche hier übernachtet?“

Betroffenes Schweigen.

„Montag auf Dienstag?“ Paul spielte den Nachdenklichen, doch dann erhellte sich sein Gesicht. „Moment, ja, ich hab’s. Am Montag geigten wir im Conny, das heißt wir gaben dort ein Konzert. Das Conny ist der Tanzclub gleich vorne am Wilhelmsplatz. Sie kennen den Schuppen sicherlich. Wellblech-Design.

Einer der Polizisten runzelte die Stirn, winkte ab und meinte wissentlich: „Ja, leider.“
Erleichtert über das perfekte Alibi begann Paul selbstsicher weitere Trümpfe auszuspielen.
„Also nach dem Gig, am frühen Dienstagmorgen, es muss so um die 2 Uhr gewesen sein, habe ich mit Schorsch hier unsere Musikanlage ausgeladen. Das muss jemand beobachtet und Schorsch für eine Frau gehalten haben. Ich kann mir die Anzeige nur so erklären.“

Paul grinste Schorsch an.

„Wer von Ihnen ist jener Schorsch?“ Völlig genervt blickte der Polizist auf die langhaarigen, allesamt sehr feminin erscheinenden Männer.

„Hier, guten Abend, ich bin Schorsch und ich kann Pauls Aussage nur bestätigen. Bei uns war kein weibliches Teil anwesend.“

Einer der Polizisten verabschiedete sich, sein Kollege gab aber noch eine Breitseite ab: „In Ordnung. Aber Sie wissen, die Stadt hat den Bunker nur mit Auflagen vermietet. Handeln Sie zuwider, hat dies die fristlose Kündigung zur Folge. Wir werden das Objekt im Auge behalten. Guten Abend.“

1973 tauchte der damalige Kunststudent Jonnie Döbele im Bunker auf. Er suchte Motive für sein Konzept lebensgroßer Portraitfotos und er fand sie in Spratzel Strull. Es entstanden einzigartige Dokumente sowohl der Fotografie als auch der Bandgeschichte.