Emmaus Nesenbachstrasse

Ende der 1970er Jahre war die Nesenbachstraße eher ein Hinterhof zwischen Tübingerstraße, Tagblatt-Turm und Hauptstätter Straße. An der Ecke Nesenbach-Christophstraße, wo heute das Café Eberhard mit einem üppigen Außenbereich einlädt, befand sich die Zufahrt zum Parkplatz der Metallwaren- und Baustoffhandlung Zahn-Nopper in der Tübinger Straße. Der Parkplatz war nur teilweise asphaltiert, uneben und vor allem bei nassem Wetter wenig einladend. 

Hausbesetzung

Am 28. Juni 1980 besetzten 25 überwiegend junge Leute die Gebäude Nesenbachstraße 49 und Gerberstr. 6. Es waren die ersten Hausbesetzungen im Zentrum Stuttgarts. Vor allem das Haus Nesenbachstraße 49 erlangte auch eine besondere Bedeutung für die wachsende Punk-Szene. Das Anwesen hatte einst eine Metallgroßhandlung und eine Schreinerei beherbergt. Die Besetzer, eine bunte Mischung aus Punks, Alternativen und Linken, richteten hier im Erdgeschoß ein Café ein, das auch von den Stuttgarter Punks gerne als Treffpunkt angenommen wurde.

Emmaus Stuttgart

Gegenüber befand sich in einem Altbau der Stuttgarter Ableger der Emmaus-Bewegung. Die Gemeinschaft lebte kommunenähnlich. Sie finanzierte sich in erster Linie durch Entrümpelungen und Haushaltsauflösungen. Darüber hinaus wurden die Jugendlichen mit dem Restaurieren von Möbeln aus den Haushaltsauflösungen beschäftigt.

Im Erdgeschoß des Gebäudes waren Werkstätten und ein Ladengeschäft untergebracht, in dem die Möbel und andere Gegenstände aus den Haushaltsauflösungen verkauft wurden. In den oberen Stockwerken wohnten die Mitglieder der Gemeinschaft.

Das Gebäude hatte einen geräumigen Gewölbekeller, der mehreren Bands als Proberaum diente und mitunter gab es dort sogar Kellerkonzerte. Zu Beginn des 2. Weltkriegs war der Keller als Luftschutzkeller ausgebaut worden. Die massive Luftschutztür mit ihren Gummidichtungen war noch immer vorhanden und leistete einen guten Schallschutz.

Die Fliehenden Ägypter

Eine der Bands, die hier probten, waren „Die Fliehenden Ägypter“, die sich 1981 in der Besetzung Kleppi (Gesang), Micha (Gitarre), Morscher (Bass) und Roberto Capitoni (Schlagzeug) gründeten. Durch die Nähe zu den besetzten Häusern und der linksalternativen Ausrichtung der Emmaus-Community trat die Band auch in diesem Umfeld auf, so beim Hausbesetzer-Fest der Nesenbach- und Gerberstraße am 27. und 28.06.1981 oder in der Bunten Fabrik in Heslach im gleichen Jahr, aber auch in der Region und auch in Isny.

Die Band existierte bis 1982. Im Rahmen des Live-Programms zur Ausstellung „Wie der Punk nach Stuttgart kam“ traten Morscher und Micha am 30.09.2017 unter dem Namen „Die Fliehenden Ägypter“ als Duo noch einmal auf. Von diesem Auftritt ist ein Song auf Youtube zu finden.

Im November 2020 veröffentlichte Roberto Capitoni sein Buch „Vom Punk zum Comedian“ und eine CD mit einem live-Mitschnitt des Auftritts der „Ägypter“ in der Manufaktur Schorndorf am 18.09.1981. Die CD enthält auch einen Song der Nachfolgeband „Mehr Freude am Leben“, der im Emmaus aufgenommen wurde.

Capitoni hatte bereits 1981 damit begonnen, auch als Comedian aufzutreten und ist seit Langem fester Bestandteil der deutschen Comedy-Szene. In seinem Buch liefert er nicht nur Einblicke in die so unterschiedlichen Stationen seines Lebens und in die Punk-Szene Isnys und Stuttgarts, sondern darüber hinaus unzählige Fotos, die eindrückliche Einblicke in seinen Werdegang gewähren. Von Capitoni stammt auch eines der witzigsten Bandlogos aus der Region zu dieser Zeit, die fliehende Pyramide der „Ägypter“, deren Entstehungsgeschichte im Buch ebenfalls nachgelesen werden kann.

Mit der CD, die zeitgleich zum Buch erschienen ist, liegt nun auch endlich ein offizielles Tondokument der „Fliehenden Ägypter“ vor, die so schreibt Capitoni, „sowas wie die Kult-Band der Hausbesetzer-Anarcho-Szene in Stuttgart“ waren.

Masturbation, Leblose Blicke, 3 Musketiere

Ebenfalls im Emmaus arbeitete Kat, die eine Schreinerlehre abgeschlossen hatte. Sie spielte 1981-82 Schlagzeug bei der Stuttgarter Punkband „Masturbation“, die zu drei Vierteln aus Frauen bestand (Kat, Kit, Io + Gitarrist Hubbel) und dem Nachfolgeprojekt „Leblose Blicke“. Kat fiel bereits damals durch ihr virtuoses Spiel auf, das in Konzertberichten hervorgehoben wurde. 1984 siedelte sie nach Amsterdam um und übernahm die vakante Stelle der Schlagzeugerin bei der Anarcho-Punk- und Weltmusik-Formation „The Ex“, bei der sie bis heute spielt.

2019 veröffentlichte sie über den Shop der Band unter dem Titel „Abflug“ einen Mitschnitt  ihres Stuttgarter Musikprojekts „3 Musketiere“ von 1983, eines Frauentrios, das teilweise aus den „Leblosen Blicken“ hervorgegangen war, und im Emmaus probte.

An der Stelle, an der das Emmaus stand, befindet sich heute ein Neubau mit Ladengeschäften. Den ehemaligen Emmaus-Punks Kat und Roberto Capitoni ist es zu verdanken, dass ein Teil der im dortigen ehemaligen Luftschutzkeller entstandenen Musik inzwischen auf Tonträgern veröffentlicht wurde.