Müll – Diakonissenbunker

Während des Zweiten Weltkriegs war der Bunker unter dem Diakonissenplatz einer der komplexesten unterirdischen Anlagen im Stuttgarter Stadtgebiet. Die 3.158 qm große Anlage war U-förmig konstruiert und in drei Trakte unterteilt. Sie beherbergte ein Hilfslazarett, das Lagezentrum des Sicherheits- und Hilfsdienstes und zivile Schutzräume für die Bevölkerung aus der Nachbarschaft.

Nach einer zeitweiligen Nutzung als Bunkerhotel bis 1952 betrieb anschließend die Heilsarmee ein Männerwohnheim in den Räumlichkeiten. Es ist nicht genau bekannt, wie lange das Wohnheim bestand – die meisten Bunker-Wohnheime in Stuttgart wurden Ende der 1950er Jahre aufgelöst.

Obwohl bereits in den 1950er Jahren der Kalte Krieg und die immer zahlreicher werdenden Atomtests ein neues Bedrohungsszenario auch und gerade für Europa lieferten, blieben durch die Konzentration auf den Wiederaufbau bedingt die Bunker aus dem 2. Weltkrieg zumeist sich selbst überlassen.

Band sucht Proberaum

In den 1960er Jahren gehörten sie in die Verantwortung des 1957 aus dem Innenministerium heraus gegründeten Bundesamts für zivilen Bevölkerungsschutz (BzB).
In diesem Amt verrichtete ein Bekannter von Klaus-Peter Graßnick seinen Zivildienst Anfang der 1970er Jahre. Klaus-Peter Graßnick, Friseurlehrling und späterer WG-Westler, hatte bereits in den 1960er Jahren mit drei Freunden die Gruppe „The Time“ gegründet. Nach deren Split organisierten Klaus-Peter Graßnick und Eckardt Dietel eine neue Band. Und sie suchten einen Übungsraum. Völlig unbedarft fragten die Musiker so auch beim BzB in Stuttgart an: „Was ist eigentlich mit den Bunkern?“

Die Antwort war zunächst verhalten. „Naja, die sind eigentlich nicht für eine Nutzung geeignet. Da hausen Obdachlose; da lagert Diebesgut; die werden für Schäferstündchen genutzt; teilweise auch ein Platz für die Notdurft; sie sind vermüllt und auch renovierungsbedürftig.“

Überraschenderweise gab es dennoch einen Ortstermin, an den sich Klaus-Peter Graßnick noch lebhaft erinnert. Man war jung, die Nächte waren kurz, die Haare dafür umso länger. „Und wir fanden, was uns angekündigt wurde: Da waren Obdachlose, da war Diebesgut, da lag der Müll herum, die Luft war schlecht, das elektrische Licht hat nicht funktioniert, aber die Herren vom Amt zeigten uns mit Grubenlampen den gesamten Bunker.“

Die kurze Nacht zuvor und die ungewohnten Sinneseindrücke unter Tage schlugen der Freundin von Klaus-Peter Graßnick auf den Magen. Kaum draußen musste sie sich in eine Hecke übergeben. Die Band hakte den Ortstermin als Fehlschlag ab.

Zum Erstaunen der Musiker sah man das beim Amt anders. „Können wir Ihnen vertrauen? – Der Bunker steht jahrein – jahraus mehr oder weniger offen. Wir haben keine Kontrolle, wer da ein und ausgeht. Uns ist sehr daran gelegen, wenn da jemand regelmäßig vor Ort ist.“ Die Band hatte einen Übungsraum. Und einen Namen. Da sie zunächst ihren künftigen Proberaum und die nähere Umgebung vom Müll befreiten mussten, und den Bunker mit Gegenständen aus dem Sperrmüll einrichteten, beschlossen Klaus-Peter Graßnick, Gitarrist Eckardt Dietel und Schlagzeuger Thomas Wahl sich „Müll“ zu nennen.

„Müll“ im Bunker

Das Kalkül des BzB ging auf. Die sehr häufige Anwesenheit der Musiker, aber auch wohl das von ihnen angezogene Publikum, sorgten dafür, dass die Obdachlosen genauso verschwanden wie das Diebesgut, und eine gewisse Ordnung kehrte im Bunker ein. Die war freilich weit gefasst. Zunächst bekamen die Musiker den Übungsraum gratis überlassen. Dafür mussten sie ihn aber auch selbst herrichten. „Das war ja alles ganz anders damals. Da hat sich kein Mensch gewundert, dass da eine Gruppe Jugendlicher ein und ausgeht und Müll wegbringt und jede Menge Material reinschafft. Da hat sich auch niemand dran gestört, als wir dann anfingen Partys im Bunker zu machen. Mit den Partys hatten wir mehr Einnahmen als mit unseren Live-Auftritten.“

Das BzB war zwar entsetzt, als die Band in einem Toilettenraum fünf der sechs Toiletten herausriss, den Raum schwarz strich und ein Blaulicht darin installierte, aber das tat der Vertragsbeziehung keinen Abbruch. Für 50 Mark Miete im Monat konnte die Band weiterhin im Diakonissenbunker proben.

Die bauliche „Abtrennung“ gegen den Rest der Anlage wurde der Band überlassen. „Die anderen  Bunkereingänge waren relativ sicher verschlossen“, erinnert sich Klaus-Peter Graßnick. Allerdings hatte die Band letztlich die Möglichkeit sämtliche Bunkerräume in Augenschein zu nehmen, wenn auch nicht offiziell. Und bis auf eine kurze Zeit, in der eine zweite Band in der Anlage probte hatten sie den gesamten Bunker für sich.

Der angemietete Raum lag im Eingangsbereich des Bunkers, unmittelbar am Eingang Ecke Silberburg- / Forststraße. Es war der ehemalige Aufenthaltsraum direkt hinter der Schleuse. Von ihm führte ein längs der Silberburgstraße angeordneter Gang weg, an dem links und rechts kleine normierte Räume mit jeweils 2,9 m x 2,04 m angeordnet waren, links 12 in einer Reihe, rechts 14. Im linken Trakt befanden sich noch der Toiletten- und ein Waschraum. Parallel dazu zweigte ein weiterer Aufenthaltsraum ab, der zu weiteren 14 normierten Räumen führte. Davon waren ursprünglich mehrere für medizinisches Personal vorgesehen gewesen.

Diese Zugänge verbauten Müll mit Holzwänden vom Bau und Schalholz für Betonarbeiten. Toiletten- und Waschraum blieben innerhalb des so abgeteilten Bereichs. Im von „Müll“ genutzten Raum stand zunächst noch ein Empfangshäuschen aus der Zeit, als der Bunker als Hotel genutzt wurde. Da es der Nutzung als Übungsraum entgegen stand rissen die Musiker es heraus. Auch ein Aktivkohle-Luftfilter mit Handbetrieb wurde von der Band entsorgt.

Selbst als die Band einen Kohleofen in den Bunker stellte, störte sich niemand. Aus heutiger Sicht war das natürlich Irrsinn. Die Lüftungsanlage des Bunkers war außer Betrieb. Das Ofenrohr leiteten „Müll“ durch einen der Lüftungskamine nach außen. Wenn sie im Bunker heizten, waberte ein rauchiger Nebel über den Diakonissenplatz. Die Band wartete irgendwie immer darauf dass sie von der benachbarten Hauptfeuerwache Besuch mit dem Wasserschlauch bekommt. „Aber die kamen nie.“

Epilog

Bis 1975 probten, spielten und feierten „Müll“ im Diakonissenbunker. Ihre Bunkerpartys waren in der Stuttgarter Musikszene legendär. Ihre Eigenkompositionen wurden im Diakonissenbunker mit einem Uher- Mono-Report-Tonband aufgenommen.

2008 trafen sich Heino Brueggeboes (Fan der ersten Stunde) und Klaus-Peter Graßnick nach vielen Jahren wieder. Beide hatten noch Aufnahmen von „Müll“ und beschlossen, diese zu sichten, zu bearbeiten und die Aufnahmen auf CD zu veröffentlichen. Es wurde eine Box mit 5 CDs. Im Herbst 2011 verstarb Heino Brueggeboes unerwartet. Die CDs waren im Januar 2011 erschienen. Das große Projekt von Heino Brueggeboes und Klaus-Peter Graßnick: ein „Müll“-Auftritt mit CD-Release Party verzögerte sich allerdings erheblich. Es fand letztlich im Januar 2015 im CANN in Stuttgart Bad Cannstatt statt.
Die Geschichte der Band sowie Bezugsquellen der für die in Eigenregie erschienene 5er CD-Box finden sich auf der Seite von „Müll“.

Für 2016 steht die erste „offizielle“ CD-Veröffentlichung von MÜLL auf dem Stuttgarter Allscore Label an.

Klaus-Peter Graßnick und Eckardt Dietel spielen heute mit dem Schlagzeuger Tilman Schmid unter dem Namen „NNB – Not Named Band“. Ihre Seite enthält u.a. aktuelle Konzert-Termine und die Buchungsadresse.

 

Advertisements