„Schlimme Kindheit“ in der Sattelstraße

 

Sucht man heute im Internet nach Informationen über Punk in Stuttgart Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre stößt man relativ schnell auf den Bandnamen Ätzer 81.

Eines der Gründungsmitglieder dieser Band, Jürgen Lenk, spielte auch danach noch in diversen Formationen. Seine selbstgebaute Bassbox hatte er halb freiwillig Ätzer 81 überlassen. „Die war völlig überdimensioniert. Die musste man immer zu viert tragen. Aber sie hatte genau den Sound, den ich haben wollte“, erinnert sich Lenk.

Die meisten seiner musikalischen Projekte in den Jahren nach 1981 waren eher kurzlebig. Der Verbleib der Bassbox war irgendwann unklar.Ätzer 81 hatten sich 1982 aufgelöst, die Mitglieder zerstritten und verstreut. 1985 gründete Lenk mit ein paar Freunden eine neue Punkband. „Schlimme Kindheit“ gehörten zu jener Generation von Bands, die in Stuttgart eine Szene am Leben hielten, die sich aus dem Mythos der eigentlich implodierten Punk-Bewegung und einer erstarkenden politischen Protestbewegung speiste. Noch immer gab es einzelne besetzte Häuser wie in der Neckarstraße und der Hauptstätter Straße. In deren Kellerräumen, in Jugendhäusern und anderen alternativen Jugendzentren boten sich Gelegenheiten für Live-Auftritte.

Einen Übungsraum fanden „Schlimme Kindheit“ in einem Hochbunker in der Sattelstraße 70. Während der Bunker Sattelstraße 46 während des Kalten Krieges komplett modernisiert wurde, war der zweite Bunker in der Sattelstraße im Zustand der Nachkriegszeit verblieben.

Die anachronistische Atmosphäre des ehemaligen Luftschutzbunkers beeindruckte die Punks. „Die Räumlichkeit war abgefahren. Du gingst ebenerdig rein, dann rechts und nochmal rechts und dann standest Du in einem kleinen Kabuff. Das war unser Übungsraum. Im Rücken hatten wir die Außenwand, der Raum war mit dem Schlagzeug und uns komplett voll. Bewegen brauchten wir uns da nicht mehr wollen. Aber immerhin, wir hatten einen Übungsraum. Gegenüber gab’s das gleiche nochmal, da probte eine zweite Band.“ Die Räume der Hochbunker wie auch der Tiefbunker waren genormt, sie massen 2,9 x 2,04 m. Meist gab es eine geringe Anzahl an Räumen mit doppelter Größe 2,9 x 4,08 m, die z.B. als Sanitätsräume vorgesehen waren. Das Liegenschaftsamt vermietete aber auch die nur knapp 6 qm großen Zellen an Musiker, es war für die Bands letztlich auch eine Preisfrage.

Ob es neben diesen zwei noch weitere Proberäume im Bunker gab, kann Jürgen Lenk nicht sagen. An eine Inspektion des Bunkers dachten die Musiker damals nicht und leider auch nicht an Erinnerungsfotos. So gibt es von der Band leider keine Proberaumfotos. Zwei Fotos eines Auftritts von „Schlimme Kindheit“ im besetzten Haus Hauptstätter Straße 1986 finden sich auf Punkfoto.de (Bild 122 und 123).

Wie die Band an den Proberaum im Bunker gekommen ist, weiß Lenk nicht mehr. „Ich hatte damit nichts zu tun. Und ich kann auch ehrlich nicht mehr sagen, wer den aufgetan hatte“. Immerhin nutzten „Schlimme Kindheit“ den Bunker zwei Jahre als Domizil. Während dieser Zeit passierte erstaunliches. Eines Tages sei plötzlich die Bassbox von Ätzer 81 dort gestanden. Angeblich wusste niemand wie sie dahin gekommen war. Aber Jürgen Lenk freute sich über das Wiedersehen. Die Box gibt es inzwischen nicht mehr. Aber die Lautsprecher hat Lenk noch. Und er würde auch noch immer gerne wissen, wie die Box dahin gekommen ist. „Wer weiß, vielleicht liest das ja irgendwann mal einer und meldet sich und erzählt mir die Story dazu. Die würde mich schon interessieren.“ Der Bunker wird seit längerem als privater Lagerraum genutzt, Proberäume befinden sich keine mehr darin.

„Schlimme Kindheit“ hatten 1985 – 87 ca. zehn live-Auftritte. Ihre Homepage bietet einen kleinen Einblick in die Bandgeschichte und einige stimmungsvolle Fotos.

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