Die Rettung Oberlenningens

Nach der Schlacht um Heilbronn stießen die amerikanischen Truppen im April 1945 ins Remstal vor und teilten sich auf. Ein Teil rückte auf Stuttgart vor um dort bei Bad Cannstatt auf die Französischen Verbände zu treffen, die die Württembergische Hauptstadt kurz zuvor erreicht hatten. Die anderen Verbände schwenkten in Richtung Schwäbische Alb und Ulm.

Die Albüberquerung nimmt in der Geschichtsschreibung nur wenig Raum ein. Die letzten 16 Kriegstage sind oft als eine Episode abgehandelt, in der sich im Südwesten zwischen Auflösung der Wehrmacht und Eintreffen der Alliierten nicht mehr viel ereignete. Auch wenn es keine großen Schlachten mehr zu schlagen gab: Lokale Ereignisse konnten durchaus eine eigene Dramatik entwickeln.

Am Rand der Schwäbischen Alb hatten sich in den Dörfern zwischen Geislingen und Reutlingen deutsche Truppen eingerichtet. In dem unwegsamen Gelände sollte der Vormarsch der Alliierten erneut aufgehalten werden. Die Drachenlochbrücke der A8 war genauso gesprengt worden, wie zahlreiche andere Straßen, die eine Überquerung der Alb hätten begünstigen können. So rückten die Amerikaner einerseits über das Filstal vor und schwenkten an der Teck nach Süden. In den Dörfern waren Panzersperren errichtet worden. Das Wetter passte zur Kriegslage: Es wehte ein kalter schneidender Wind. Das Kommando in den Dörfern hatten zumeist junge, im NS-Staat aufgewachsene Offiziere, die ihre Durchhalte-Befehle nicht hinterfragten.

Kirchheim war am 20. April besetzt worden. Von dort aus rückten die US-Streitkräfte mit Panzern über die heutige B 465 Richtung Owen vor, das am Folgetag im Kampf genommen wurde. Über Nabern und Bissingen brachen sie bis nach Schopfloch durch.

Unmittelbar südlich von Owen lag am 21. April noch immer der Gefechtsstand des örtlichen deutschen Kampfkommandanten in Brucken. Das amerikanische Artilleriefeuer aus dem Bogen von Nabern bis Schopfloch ließ aber keinen Zweifel, dass der Vorstoß auf Brucken und Oberlenningen nicht mehr lange auf sich warten ließ. Tieffliegerangriffe unterstützten die Angriffsvorbereitungen.

In Oberlenningen hatten viele Einwohner in den Gebäuden der Papierfabrik Scheufelen Zuflucht gesucht. Die Produktion war schon vor Wochen eingestellt worden. Doch die Papierfabrik hatte ein Problem, dessen sich viele bis dahin nicht bewusst waren. Die Fabrik hatte bis zuletzt Papiererzeugnisse produziert und verfügte noch über 15 Tonnen Chlorgas, das zum Bleichen von Faserstoffen verwendet wurde. Das Gas lagerte in Tanks, die weder gegen Beschuss noch gegen Bombeneinwirkung gesichert waren.

Der Werksleitung war klar, dass ein Beschuss der Fabrik eine Chlorgaswolke verursachen konnte, der nicht nur zahlreiche Zivilisten auf dem Werksgelände zum Opfer fallen würden. Die Chlorgaswolke würde sich auch auf die ahnungslosen US-Soldaten zubewegen, die zunächst keine andere Erklärung haben würden als einen Gasangriff.

So beschloss die Werksleitung den zuständigen deutschen Kommandanten in Brucken aufzusuchen, der sich jedoch auf seine Befehle zur bedingungslosen Verteidigung des Abschnitts berief. Er schickte Karl-Erhard Scheufelen und seine Begleiter zum Divisionsstab in Grabenstetten, da die Funkverbindung dorthin nicht funktionierte. Die Steige war durch Sprengungen und Panzersperren unpassierbar. Die Delegation musste sich zu Fuß durch die Nacht kämpfen.

Schließlich erreichten sie den für das Lenninger Tal zuständigen Stab der 47. Division unter Major Wetzky. Dieser erkannte die Situation sofort. Er verfügte, dass Oberlenningen im Umkreis von 500 Metern nicht verteidigt werden dürfte und ließ per Funk eine Warnung an die X. amerikanische Panzerdivision und das II. französische Korps schicken, das aus dem Uracher Tal nachrückte. Für alle Fälle sollte ein Unterhändler mit Übersetzer entsendet werden. Die Alliierten erhielten und verstanden aber den Funkspruch.

Am Morgen des 22. April war man mit dem Divisionsbefehl wieder in Brucken, das noch immer nicht per Funk erreichbar war. Die Erläuterung des Befehls fiel mit dem amerikanischen Angriff auf Brucken zusammen. In der Papierfabrik waren inzwischen weiße Fahnen mit grünem Kreuz zur Warnung vor Giftgas aufgehängt. Während in Brucken die Kämpfe noch andauerten, wurden in Oberlenningen die Panzersperren geräumt. Die Gefahr war dadurch noch nicht vorüber. Aus den Gefechten in der unmittelbaren Umgebung heraus schlugen auch mehrere Panzergranaten im Bereich der Fabrik ein. Die Chlorgastanks blieben aber ungeschädigt.

Am 22. April gegen 11 Uhr zogen sich die deutschen Verteidiger , ca. 160 Mann, aus Brucken zurück um sich bei Grabenstetten wieder festzusetzen. Nicht alle deutschen Soldaten hatten den Rückzugsbefehl erhalten. So gab es noch einen Panzerabschuss und Schießereien in Unterlenningen. Auch war eine Panzersperre nicht geräumt. Die Werksleitung konnte die Räumung allerdings noch zeitnah erreichen. Kurz nach 13 Uhr rückten die amerikanischen Panzer in Oberlenningen ein.

Der Widerstand bei Grabenstetten war freilich nicht mehr von Dauer. Am 23. April erreichten die Amerikaner Blaubeuren. Es war zuvor von den deutschen Truppen verlassen worden. Ein Volkssturmabteilung unter Walter Sing sollte die Verteidigung übernehmen. Sing war aber fest entschlossen, Blaubeuren kampflos zu übergeben. In einem persönlichen Gespräch zwischen dem befehlshabenden Wehrmachtsoffizier und Sing zog dieser die Waffe und erklärte dem Oberst, er werde den Ort nicht verteidigen. Nach Zeugenberichten war der Oberst auf diese Konfrontation nicht gefasst. Er setzte sich planmässig ab. Die unerwartete Entschlossenheit Sings bewahrte diesen letztlich vor Konsequenzen für seine Weigerung und damit Blaubeuren vor Kampfhandlungen.

Am 24. April rückten amerikanische und französische Verbände ohne größere Kampfhandlungen  in Ulm ein. Die Schwäbische Alb war überwunden.

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