Hungersnot

Als die Industriestaaten Europas im Juli 1914 mobil machten, waren sie alle nicht auf einen lange andauernden Krieg vorbereitet. Vor allem die Mittelmächte Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich hatte geografisch eine nachteilige Ausgangslage hinsichtlich der Versorgung mit Gütern und Rohstoffen, die sie nicht selbst produzierten.

Zwar verfügten beide Nationen über Seehäfen, doch konnten diese relativ leicht blockiert werden. Österreich-Ungarn hatte zwar Häfen im heutigen Kroatien, doch teilten sie die Adria mit dem zunächst neutralen und ab Mai 1915 verfeindeten Italien.

Die deutschen Seewege waren schon kurz nach Kriegsausbruch von den Briten durch eine wirksame Seeblockade unterbrochen worden. Deutschland war bereits in den Jahren vor 1914 Importeur von Lebensmitteln, aber auch von Holz und Forstprodukten. Mit Ausbruch des Krieges brachen diese Importe weg, während der Bedarf zugleich stieg. Holz als Brennstoff, als Baumaterial, sowie als Zelluloselieferant für die Papier- und Sprengstoffindustrie wurde zum kriegswichtigen Rohstoff. Nach dem Zusammenbruch der Russischen Offensive gegen Ostpreussen konnten waldreiche Gebiete in Kurland, Litauen und Russisch-Polen besetzt werden, die in die Holzproduktion einbezogen wurden.

Die Lebensmittelknappheit wurde mit Zwangsbewirtschaftung, Rationierung und Appellen zum sparsamen und effizienten Einsatz von Lebensmitteln angegangen. Kriegskochbücher lieferten eine Fülle von Rezepten mit und ohne Fleisch, zur Verwendung heimischer Früchte und Pflanzen und zum vollständigen Verwerten von Lebensmitteln. Sie boten Möglichkeiten zum Wiederverwerten von Brühen jeglicher Art (auch Spatzenwasser) für Suppen. Fleisch, Fisch, Fett und Eier sollten möglichst sparsam verwendet werden.

Freilich reichten solche Maßnahmen in keinster Weise aus, den Bedarf an Lebensmitteln zu decken und die fehlenden Importe zu kompensieren. Deutschland war vor dem Krieg der weltweit größte Importeur von Agrarprodukten und hatte ein Drittel seiner Lebensmittel eingeführt. Fleisch- und Wurstwaren standen für breite Bevölkerungsschichten kaum noch zur Verfügung.

Die früh verfügte Getreiderationierung ließ den Verbrauch von Kartoffeln Anfang 1916 auf 250% des Vorjahresverbrauchs ansteigen. Infolge eines nassen Herbstes 1916, der eine Kartoffelfäule verursachte brach die Kartoffelernte auf die Hälfte des Vorjahres ein. Für viele Deutsche wurde die Steckrübe das Hauptnahrungsmittel im Winter 1916/17 und den folgenden Monaten. Über die zugeteilten Lebensmittel standen durchschnittlich 1.000 kcal. / Tag / Person zur Verfügung. In vielen Städten wurden Suppenküchen eingerichtet, um die Bevölkerung wenigstens notdürftig zu versorgen.

Dennoch starben in Deutschland während des Krieges rund 800.000 Menschen an Hunger und Unterernährung. Erst als das britische Handelsembargo 1919 aufgehoben wurde, entspannte sich die Situation.

Eine Antwort zu Hungersnot

  1. Pingback: Der 1. Weltkrieg im Hinterland | Forschungsgruppe Untertage e.V.

Kommentare sind geschlossen.