Luftangriffe auf Karlsruhe

Durch seine Nähe zur französischen Grenze war Karlsruhe schon im 1. Weltkrieg für die gegnerische Luftwaffe leicht zu erreichen. Die Stadt erlebte für die Zeit ungewöhnlich schwere Luftangriffe mit hohen Zahlen an Todesopfern. Bereits beim ersten Angriff am 15. Juni 1915 starben 30 Menschen und 58 wurden verletzt. Der Angriff wurde von deutscher Seite als propagandistische Rechtfertigung für Angriffe auf London benutzt. Im Gegenzug dienten deutsche Angriffe auf London und Paris der Entente als Begründung für Angriffe auf deutsche Städte. Die Kriegsparteien scheuten sich nicht, diese Angriffe als „Rache“ oder „Vergeltung“ für erlittene Angriffe auf jeweils eigene Städte zu bezeichnen. Und jede Seite sah sich im Recht. Die zu dieser Zeit von der Luftkriegsentwicklung vollkommen unvorbereitet in Mitleidenschaft gezogene Bevölkerung verlangte ihrerseits „Rache“ für die erlittene „Barbarei“.

Der zweite Luftangriff auf Karlsruhe sollte den Propagandakrieg befeuern und noch bis in den 2. Weltkrieg hineinwirken. Er wurde am Fronleichnamstag des Jahres 1916, dem 22. Juni, von französischen Flugzeugen ausgeführt.

Der Hauptbahnhof in Karlsruhe lag bis 1913 an der Kriegsstraße. Da er zunehmend die Stadtentwicklung störte wurde ab 1900 die Verlegung um 2 km nach Süden diskutiert. 1906 wurde der Bau des neuen Hauptbahnhofs begonnen, am 22./23. Oktober 1913 fand die Eröffnung statt-Die französischen Piloten des Angriffs vom 22. Juni 1916 benutzten eine veraltete Karte, die noch den Stand vor der Verlegung des Hauptbahnhofs zeigte.

Auf dem Areal des alten Bahnhofs stand zu diesem Zeitpunkt das Zelt des Zirkus Hagenbeck, in dem eine Kindervorstellung stattfand. 71 der 120 Toten waren Kinder, 169 Menschen wurden verletzt. Gemessen an der Zahl der Todesopfer war dies der schwerste Luftangriff auf eine deutsche Stadt während des 1. Weltkriegs.

Die deutsche Propaganda schlachtete das Ereignis in mehrfacher Richtung aus. Als „Kindermord von Karlsruhe“ ging der Angriff in die Geschichte ein. Aber auch die „Gottlosigkeit“ an Fronleichnam am hellichten Tage einen Luftangriff zu fliegen wurde den Franzosen vorgeworfen. Der Heeresbericht unterstellt dem Kriegsgegner Mordlust und klares Kalkül. Man habe absichtlich den Feiertag gewählt, weil man wusste, dass an diesem Tag viele Menschen in der Stadt unterwegs seien und auch die Abwurfmunition habe überwiegend aus Splitterbomben bestanden.

Der Heeresbericht erwähnt aber auch, dass die Flugzeuge in großer Höhe kreisten und „durch den leichten Dunst fast ganz der Sicht entrückt“ waren. Auf diese Weise konnten die Angreifer freilich keinen präzisen Angriff durchführen. Die primitiven Abwurftechniken ermöglichten unter solchen Bedingungen nur einen Bombenwurf mit dem Ziel die Bevölkerung zu terrorisieren.

Der Vorwurf des Kindermordes wurde auch von britischer Seite gegen die Deutschen erhoben, nachdem diese am 13. Juni 1917 bei einem Tagangriff unter anderem eine Schule in Londoner Stadtteil Poplar getroffen hatten, wo 18 Kinder starben. Auch dies war ein tragischer Zufallstreffer eines weit streuenden und unpräzisen Angriffs auf das Stadtgebiet.

Karlsruhe erlebte während des 1. Weltkrieges 14 Luftangriffe. Mit 168 Todesopfern hatte es die meisten Bombentoten unter den deutschen Städten zu beklagen.23% der deutschen Bombentoten waren Karlsruher. Bei rund 100 Luftangriffen auf badische Städte starben insgesamt 218 Menschen. In Paris kamen bei 45 deutschen Luftangriffen 278 Menschen ums Leben.

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