Kampf um Bietigheim

Bis 1944 wurden Bietigheim und Bissingen ca. 150 mal von alliierten Bombern überflogen, jedoch nicht direkt aus der Luft angegriffen. Dies änderte sich mit dem fortwährenden Widerstand der Deutschen Wehrmacht am Rhein. Die Bahnlinien im Hinterland gerieten als Nachschubverbindungen der Front zunehmend ins Visier der gegnerischen Luftwaffe. Insbesondere die USAAF hatte sich die Zerstörung der Produktions- und Transportkapazitäten des Deutschen Reichs auf die Fahnen geschrieben.

So fielen am 09. November 1944 erstmals 14 Bomben in Bietigheim auf die Bahnhofsgegend. Sie beschädigten das Bahnhofpostamt und Teile der SWF-Fabrik.
Am 16. Dezember griffen 50 amerikanische Flugzeuge Bietigheim an, trafen aber hauptsächlich Großingersheim, da die Zielmarkierungen von einem starken Westwind versetzt wurden. 14 Menschen starben, 9 wurden verletzt 30 Gebäude zerstört und 400 beschädigt. Berichten zufolge soll das eigentliche Ziel der Bahnhof Kornwestheim und der Bietigheimer Viadukt gewesen sein.

Der Kornwestheimer Bahnhof wurde am 28. Januar 1945 zerstört. Ein erneuter Angriff auf den Bietigheimer Viadukt erfolgte am 02. Februar. Die Bomben fielen relativ genau in die umliegenden Wohnviertel. 252 Gebäude wurden beschädigt, zwei zerstört. Der Viadukt selbst erlitt aber keine nennenswerten Schäden. Beim Luftangriff auf den Bahnhof am 19. Februar 1945 starben fünf Flaksoldaten. Am 23. März trafen amerikanische Marauder-Bomber den Viadukt. Zwar blieb das Bauwerk stehen, die Gleisanlagen waren aber zerstört.

Am 13. März 1945 hatte Bietigheims Bürgermeister Gotthilf Holzwarth die Bevölkerung aufgerufen die Stadt zu evakuieren. Über 600 Personen kamen der Aufforderung nicht nach. Viele Einwohner wollten ihr Hab und Gut nicht verlassen. Auch war bekannt, dass Züge immer wieder von Tieffliegern angegriffen wurden, und dabei zahlreiche Zivilisten starben. Hinzu kam, dass es kaum noch Gebiete gab, in denen Evakuierte wirklich sicher gewesen wären.

Bürgermeister Holzwarth setzte am 03. April den Stadtoberinspektor Ernst Fritz ein, eine Notverwaltung für den Fall des Einmarschs zu organisieren. Er selbst setzte sich auf Weisung des Landrats am 07. April in „unbesetztes Gebiet“ ab.

Unterdessen hatte die Wehrmacht am Ufer der Enz mit Schanzarbeiten begonnen. Es wurden Schützenlöcher für Maschinengewehr ausgehoben, am ganzen Ufer entlang wurden Minen verlegt. Auf der Linie Asperg, Wilhelmshof, Bietigheim Laiern, Bietigheimer Forst, Husarenhof, Pleidelsheim war deutsche Artillerie in Stellung gegangen. Artilleriebeobachter waren auf dem Hohenasperg und auf dem Dach des DLW-Gebäudes und der Schuhfabrik Fritz eingerichtet.

Die 47. Volksgrenadierdivision hatte den Auftrag an der Enz “hinhaltenden Widerstand” zu leisten, also den Gegner möglichst lange aufzuhalten, um anderen Wehrmachtsverbänden einen geordneten Rückzug in neue Stellungen zu ermöglichen. Dieser Befehlslage und dem Umstand, dass die vorrückenden französischen Verbände kein schweres Pioniergerät mit sich führten entsprang eine Situation, die Bietigheim 12 Tage zur Frontstadt machte.

Während am 08. April im Stadtzentrum Heilbronns noch um jedes Haus gekämpft wurde, sprengten deutsche Pioniere alle Brücken in Bietigheim und Bissingen. Auch fünf Bögen des Viadukts wurden so zum Einsturz gebracht. Mit den Enzbrücken wurden die dort verlaufenden Gas- und Wasserleitungen zerstört, so dass die Versorgung der Stadt mit Gas und Wasser unterbrochen war. Die Bevölkerung war genötigt, sich mit Wasser aus Brunnen und Bombentrichtern zu versorgen, was in den folgenden 12 Tagen mit Lebensgefahr verbunden war.

Am Abend des 08. April erreichten die französischen Verbände die Enz. In Ermangelung geeigneter Ausrüstung waren sie für den Enzübergang auf eine intakte Brücke oder eine seichte Furt angewiesen. Sie hatten sich bereits entlang der Enz nach Süden bewegt, doch keine Möglichkeit zum Übergang gefunden. So besetzten sie die Weststadt bis zur Enz, wurden aber vom östlichen Ufer aus beschossen.

Da das Bett der Enz den tiefsten Punkt im Stadtgebiet markiert bestand keine Möglichkeit dort unbemerkt überzusetzen. Von den Deutschen in Deckung gezwungen begannen sich die französischen Einheiten in Bietigheim einzurichten. Auf dem Areal der Schumacherschen Fabrik und in der oberen Lugstraße ging ihre Artillerie in Stellung.

Die folgenden Tage wurden zu einem grausigen Ritual, in das die Bevölkerung von beiden Seiten hineingezogen wurde. An exponierten Stellen gingen Scharfschützen in Stellung, die Bewegung auf der jeweils anderen Seite mit gezielten Schüssen beantworteten. So wurden Einwohner der Weststadt beim Wasserschöpfen von deutschen Soldaten beschossen. Französische Scharfschützen verbreiteten in der Oststadt Angst und Schrecken.

Die katholische Kirche St. Laurentius und der Bereich zwischen Kirche und Krankenhaus wurden mehrfach von französischen Granatwerfern beschossen, sobald dort eine Bewegung erkannt wurde. Im Felsenkellerweg mussten Anwohner zusehen wie in ihrem Vorgarten ein deutscher Granatwerfer in Stellung gebracht wurde. Die zugehörigen Soldaten quartierten sich im Haus ein.

Da militärische Bewegungen bei Tag auf beiden Seiten zu gefährlich waren, wurden diese in die Nacht verlegt. Auf beiden Seiten schlichen Stoßtrupps zum Ufer um die Lage zu erkunden. Bei Feindberührung wurde geschossen. Den Handfeuerwaffen und Maschinengewehren folgten Granatwerfer und Artillerie. Boden gewinnen konnte keine Seite, jeder blieb auf seinem Ufer.

Wie tödlich diese Konstellation war wurde am 12. April offensichtlich. Der französische Kommandant ließ an diesem Tag alle Männer zwischen 15 und 60 Jahren aus Metterzimmern und dem besetzten Teil Bietigheims antreten und befahl deren Verbringung nach Kleinsachsenheim. 350 Männer begaben sich auf den Fußmarsch, von französischen Soldaten eskortiert. Als der Zug auf freiem Feld war begann die deutsche Artillerie zu feuern. Der Befehl kam Berichten zufolge vom Hohenasperg. Welche Geschütze in den Überfall beteiligt waren, ist nicht überliefert.

Kurz vor Kleinsachsenheim wurde der Zug erneut von der deutschen Artillerie beschossen. Bei diesem Vorfall starben 40 Zivilisten und mindestens 7 französische Soldaten. Die Frage, ob der Feuerbefehl auf die Bietigheimer Bürger absichtlich oder aus einem Irrtum heraus gegeben wurde ist nicht geklärt und wird in der Bevölkerung noch heute kontrovers diskutiert. Gemessen an den Opferzahlen war dies der blutigste Vorfall in Bietigheim während des gesamten Krieges.

Die Bevölkerung harrte in Kellern und den 1944 noch eiligst erstellten Luftschutzstollen aus und musste tagsüber versuchen Wasser und Lebensmittel zu beschaffen, eventuell noch vorhandene Tiere zu versorgen, sowie ernste Schäden an den Häusern notdürftig zu beheben.

Da die Infanterie und Artillerie beider Seiten im Stadtgebiet in Stellung lagen, waren die Ziele der Granaten ebenfalls inmitten der Stadt. Die in diesen Tagen verursachten Schäden übertrafen alle bis dahin erlittenen Schäden während des gesamten Krieges.

Die tödliche Pattsituation löste sich erst am 21. April 1945 auf. US-Truppen waren auf die Murr vorgerückt und näherten sich Winnenden. Bereits am Tag zuvor hatten französische Verbände Hochdorf genommen und Stuttgart erreicht. Um einer Umfassung zu entgehen räumten die deutschen Verteidiger Bietigheim am 21. April und setzten sich ab. Noch am selben Tag wurde die Oststadt an die Franzosen übergeben.

70 Bietigheimer starben in diesen Tagen, davon 19 in der Oststadt und sieben unmittelbar nach den Kämpfen, als sie die Deutschen Minen räumen mussten. Diese Minen waren aus Holz und konnten von Metalldetektoren nicht aufgespürt werden. Zahlen zu den Opfern der Kämpfe seitens der beteiligten Armeeverbände liegen nicht vor.

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