Ein Stollen-Gedicht

Der Bau von Pionierstollen durch sogenannte Stollengemeinschaften war  für die Beteiligten häufig eine prägende Erfahrung. Zusammen mit den Nachbarn arbeiteten die Menschen nach Feierabend und zum Teil bis in die Nacht gemeinsam am Stollen.

Die Arbeit war körperlich anstrengend, die räumliche Situation unter Tage stickig, beengt und oft schlecht beleuchtet. In die Hoffnung, den Stollen entweder rechtzeitig fertig zu bekommen oder ihn im Idealfall gar nicht benutzen müssen mischten sich die alltäglichen Sorgen und Entbehrungen, aber auch die Angst vor der Fertigstellung einem Luftangriff zum Opfer zu fallen.

So wird verständlich, dass es beim Durchbruch in vielen Fällen eine kleine Stollenfeier gab, bei der auf die vollbrachte gemeinsame Leistung angestoßen wurde. All diese Aspekte klingen im folgenden Gedicht an, das am Ende auch den Umtrunk auf den Stollen anspricht. Was aus heutiger Sicht oft befremdlich klingt, war Ausdruck von Erleichterung und Hoffnung, wie sie auch unsere Bilderstrecke vom Stollenbau in Gablenberg widerspiegelt.

Heut nach vielen sauren Wochen
sind wir endlich durchgebrochen
und wir reichen uns die Hand
durch Geröll, Stein und Sand.

Unsere Arbeit, unser Fleiß
und die vielen Tropfen Schweiß
unsrer Feierabendstunden
haben nun den Lohn gefunden.

Ob die Fremden oft auch lachten,
wenn wir Überstunden machten
und im Erdenschoß rumorten,
wenn wir buddelten und bohrten,
hackten, schaufelten und schippten
und die Frauen Eimer kippten.

Dieses Lachen wird verstummen,
denn am End sind sie die Dummen.
Wir in unserem bombenfesten
Stollen wissen ganz genau:
Wer zuletzt lacht, lacht am besten !!

Dank nun allen, Mann und Frau,
die so fleißig sich geregt
und mit Hand ans Werk gelegt.
Hoffen wir, dass wir den Stollen
niemals ernstlich brauchen sollen,
oder doch, dass er uns allen,
wenn auch hier mal Bomben fallen,
sicher Schutz sei vor Gefahr
und vor Schaden uns bewahr !

Unsrem Stollen sei drum heut
dieses volle Glas geweiht !
Er sei unser Schirm und Trost,
wenn es draußen kracht und tost.
Ihm und Euch drum dieses Prost !

Verfasserin: Luise Bleyle

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