Der „Reichssender Stuttgart“

Das Alte Waisenhaus am Charlottenplatz markiert den Abschluss des historischen Bereichs der einst königlichen Gebäude zur Altstadt hin. Ursprünglich als Kaserne geplant und 1705 beauftragt wurde es als „Waisen- Zucht- und Arbeitshaus“ 1712 fertiggestellt, da die unterzubringenden Reiter 1710 nach Ludwigsburg verlegt worden waren.

1922-24 erfolgte ein Teilabriss mit Umbau der verbliebenen Gebäudeteile, die durch Neubauten ergänzt wurden (Architekt Paul Schmitthenner). Seit 1925 beherbergt das Gebäude das Institut für Auslandsbeziehungen und ist vor allen durch das im Erdgeschoss eingemietete Lokal „Amadeus“ weithin bekannt.

Weniger bekannt ist die Nutzung des Gebäudes für den Rundfunk. Am 03. März 1924 war die Süddeutsche Rundfunk AG (SÜRAG) gegründet worden, die am 11. Mai des Jahres mit ihrem Programm auf Sendung ging. Das Versorgungsgebiet umfasste Baden, Württemberg und Hohenzollern. Da die Zahl der Rundfunkteilnehmer in den stark dörflich und kleinstädtisch geprägten Gebieten gering war, war die SÜRAG eine der finanzschwachen Rundfunkgesellschaften. Seit 1925 hatte der Sender seinen Sitz und seine Studios im Alten Waisenhaus am Charlottenplatz.

Durch die sogenannte Papensche Rundfunkreform 1932 waren die privaten Anteile an den Rundfunkgesellschaften in Deutschland an das Reich übergegangen, der ursprünglich privat gegründete Rundfunk also faktisch verstaatlicht worden. Dies erleichterte der NSDAP nach dem 31. Januar 1933 die Gleichschaltung erheblich. Die Geschäftsanteile Württembergs am Stuttgarter Rundfunksender gingen schließlich am 28. April 1934 an die Reichsrundfunkgesellschaft (RRG) über. Dies ging mit einer Umbenennung zum „Reichssender Stuttgart“ einher.

Neben der völligen organisatorischen Kontrolle versuchte das Propagandaministerium zunächst das Radio auch als reines Parteisprachrohr zu nutzen. Der überbordende Anteil an Übertragungen von Aufmärschen, Reden und sonstigen Parteiveranstaltungen führte jedoch zu massivem Protest der Radiohörer, so dass zwischen 1934 und 1938 der Musikanteil von 60 auf ca. 70 % des Programms erhöht wurde. Zu diesem Zeitpunkt war das Programm aber noch immer zu einem gewissen Anteil senderspezifisch. Im Juli 1940 wurde schließlich das reichsweite Einheitsprogramm eingeführt.

Ab Frühjahr 1942 wurden im Rundfunk vermehrt Betriebsstätten stillgelegt. In Stuttgart wurde das Personal weitgehend nach Frankfurt versetzt. Lediglich 2 Mitarbeiter blieben vor Ort zurück und auch ein Produktionsstudio für Tanzmusik verblieb in den Räumen des Alten Waisenhauses. Damit sollte Stuttgart als Ausweichstandort wieder schnell in Vollbetrieb gehen können, wenn z.B. Frankfurt durch Luftangriffe ausgefallen wäre.

Bei den schweren Luftangriffen auf Stuttgart am 24./25.Juli 1944 wurde das Gebäude jedoch getroffen und die Rundfunk-Einrichtungen zerstört. Bereits im März 1944 war in Bad Mergentheim ein Behelfsstudio aufgebaut worden, das bis kurz vor Kriegsende genutzt wurde. Am 5. April sendete das Studio Bad Mergentheim um 23:00 Uhr die Durchsage, dass der „Reichssender Stuttgart“ seine Übertragungen nun einstellt. Die Hörer mögen auf andere Frequenzen ausweichen.

Der noch intakte Großsender Mühlacker wurde am folgenden Tag von Wehrmachtseinheiten gesprengt. Am 8. April erreichten amerikanische Truppen das Gelände des Senders Mühlacker und begannen auch mit Untersuchungen für eine Wiederinbetriebnahme. Die Alliierten wollten das Medium Radio schnellstmöglich wieder nutzbar machen. Sie waren jedoch unterschiedlich gut auf dieses Ziel vorbereitet. Briten und Amerikaner gingen eher planmäßig vor.

Das zerstörte Funkhaus in Stuttgart wurde allerdings zunächst Opfer von Vandalismus und Plünderung durch französische Soldaten. Die Französische Seite tat sich beim Aufbau eines eigenen Rundfunks in ihren Sektoren insgesamt schwerer. Die Stadt Stuttgart wurde am 07. Juli 1945 an die amerikanische Besatzungshoheit übergeben.

Für den neu aufzubauenden Sender wollten die Amerikaner das zerstörte Studio im Alten Waisenhaus nicht übernehmen, sondern requirierten das kaum beschädigte Telegrafenbauamt der Reichspost in der Neckarstraße 145. Am 22. Mai war der Sender Mühlacker mit einem Sender wieder betriebsbereit. Am 03. Juni 1945 ging Radio Stuttgart in der Neckarstraße auf Sendung.

Die Franzosen hatten im Rundfunkgebäude ca. 2.000 Schallplatten, einen Plattenspieler, 25 Magnetophon-Spulen, einen Verstärker und 60 Röhren gefunden und beschlagnahmt, sowie in einem Luftschutzbunker einen Drahtfunksender nebst Zubehör.

Als Luftschutzmaßnahmen waren auch in diesem Gebäude Kellerräume entsprechend ausgebaut worden. Einen vermauerten Kellerdurchbruch zum benachbarten Hotel Silber fand man erst wieder bei einer Begehung des ehemaligen Hotels im Zuge der Diskussion um Abriss oder Erhaltung des Gebäudes.