Esslingen

Mit dem Bau von Luftschutzstollen tat sich die Stadt Esslingen von Anfang an schwer, obwohl die Stadt stark industrialisiert war und mit der Maschinenfabrik Esslingen, J. Eberspächer, Schefenacker, den Index-Werken, dem Reichsbahnausbesserungswerk, der Aluminiumfabrik Heinrich Ritter, der Maschinenfabrik Delmag, und anderen Firmen einige kriegswichtige Betriebe mit einer hohen Zahl von Beschäftigen beherbergte.

Genau darin lag aber auch ein grundlegendes Problem. Die kriegsbedingte Verlängerung der Arbeitszeiten in der Industrie minderte die Bereitschaft der Bevölkerung erheblich, sich in den sogenannten Selbstschutz-Programmen zu beteiligen. Oberbürgermeister Alfred Klaiber versuchte daher schon früh beim Landesarbeitsamt Arbeitskräfte für den Bau von Luftschutzräumen zu bekommen. Auf seine 1941 gestellte Anfrage erhielt er jedoch eine Absage, die mit „der zur Zeit […] bestehenden außerordentlich angespannten Arbeitseinsatzlage“ begründet wurde. 1942 resümierte Klaiber, es sei „geradezu verboten, dass Luftschutzräume neu gebaut werden“. Dies war freilich eine sehr individuelle Wahrnehmung, denn in Stuttgart lief zu diesem Zeitpunkt der Bau von Bunkern auf Hochtouren.

Auswirkungen des Führersoforterlasses

Der Vergleich von Stuttgart und Esslingen verdeutlicht auf drastische Weise die Auswirkungen des „Führersoforterlasses“ vom November 1940, das den massenhaften Bau von Luftschutzbunkern in den deutschen Städten auslöste. Der Erlass hatte das Reichsluftfahrtministerium Hermann Görings damit beauftragt die besonders gefährdeten Städte zu identifizieren, die mit sofortiger Wirkung Bauprogramme aufzusetzen hatte. Stuttgart stand auf der Liste, Esslingen nicht. Die „Bunkerstädte“ erhielten Baumaterial und Arbeitskräfte zugeteilt. Esslingen hingegen wurde darauf verwiesen, dass der Stollenbau „im Wege der Selbsthilfe“, also durch die Zivilbevölkerung und die Betriebe zu erfolgen habe.

Versuche, über die DAF, die Presse und die Partei Druck auf die Bevölkerung auszuüben hatten jedoch nur bedingt Erfolg. In der Stadt fehlten zunehmend Arbeitskräfte durch die Einberufung der wehrfähigen Männer an die Front. Die verbliebenen Arbeitskräfte zeigten sich dem Druck von Partei, Presse und DAF gegenüber erstaunlich resistent. Noch im Dezember 1943 sah sich Oberbürgermeister Klaiber außerstande die Bevölkerung zum Stollenbau zu zwingen. Er erklärte die fehlende Bereitschaft der Esslinger im Vergleich zur Stuttgarter Bevölkerung damit, dass diese „eben schon beachtliche Verluste an Menschenleben hinnehmen musste.“

Luftangriffe auf Esslingen

Tatsächlich war Esslingen bis zum Einsetzen der Jabo-Attacken 1945 alliierten Bombern nie als Einsatzziel vorgegeben worden. Die Stadt erlebte 26 Luftangriffe, bei denen 36 Deutsche und 25 Ausländer zu Tode kamen, sowie 89 Deutsche und 51 Ausländer verwundet wurden. Die ersten beiden Bomben fielen am 07. November 1941 auf Esslingen. Auch die Chronik der Feuerwehr veranschaulicht, dass die direkt neben Stuttgart liegende Stadt den Krieg deutlich anders erlebte als die Württembergische Hauptstadt. Ab 1942 bis Kriegsende musste sie insgesamt 32-mal zu Großeinsätzen nach Luftangriffen ausrücken: 14-mal in Esslingen, 18-mal außerhalb. In den dreieinhalb Jahren, in denen die 26 Luftangriffe auf Esslingen stattfanden, führten also 14 Angriffe zu Großeinsätzen der Feuerwehr. Der erste dieser Einsätze war am 05. Mai 1942, als in Rahmen eines Luftangriffs auf Stuttgart auch mehrere hundert Bomben auf Esslingen fielen. Im Zwangsarbeiterlager am Eisberg starben 2 polnische Zwangsarbeiter und 23 wurden verletzt.

Die Stadtverwaltung versuchte nun auch Wehrmachtssoldaten für den Bau von Bunkern und Deckungsgräben heranzuziehen, etwa im Mai 1943. Diese wurden jedoch nach 10 Tagen wieder abgezogen und so war erneut das Tiefbauamt gefordert, die Bauvorhaben fertigzustellen. Die unbefriedigende Situation stieß auch in Stuttgart auf Missfallen. 1943 wurde Esslingen in das Stollenbauprogramm des Luftgaukommandos VII aufgenommen und erhielt Material und Maschinen zugeteilt.

Am 2. Dezember machte sich ein Regierungsbaudirektor der Landesregierung ein Bild von den Fortschritten in Esslingen. In einem Schreiben an Oberbürgermeister Klaiber machte er nach diesem Ortstermin aus seiner Unzufriedenheit keinen Hehl. Am Stollen in Mettingen und den beiden in der Mettinger Straße seien noch nicht einmal die Stolleneingänge fertig gestellt. Auf Nachfragen sei ihm mitgeteilt worden, dass vor allem „die Selbsthilfearbeit nur sehr lückenhaft und schleppend von statten“ gehe.

Druck von der Landesregierung

Es folgt eine klassische Rüge. Der Oberbürgermeister wird in dem Schreiben nachdrücklich aufgefordert, sich um das Thema nun selbst zu kümmern, in enger „Zusammenarbeit mit den Parteidienststellen“. Man wollte dem mangelnden Engagement der Esslinger Bevölkerung beim Stollenbau nicht mehr länger zuschauen.

OB Klaiber erklärte das Problem mit nüchternen Zahlen. Bei Selbstschutz würde die Hälfte des Arbeitseinsatzes von der Stadt getragen, ein Drittel von den Betrieben und ein Sechstel von der Bevölkerung, die den Erwartungen und Bestimmungen über den Zivilen Luftschutz zufolge eigentlich 100 % dieser Arbeiten hätte übernehmen sollen.

So wurde erneut der Druck auf die Betriebe erhöht, und versucht, Bautrupps aus den dort beschäftigen Ausländern zu rekrutieren. Dass ausländische Arbeitskräfte den Löwenanteil beim Bau der Bunker und Luftschutzbauten leisteten, war in gesamten Reichsgebiet so. Es fällt aber auf, dass neben der Knappheit an Ressourcen, unter denen Esslingen in den ersten Kriegsjahren für diese Projekte litt, auch die ortsansässigen Unternehmen ihre Zwangsarbeiter lieber in der Produktion als im Bau von Luftschutzanlagen einsetzten, was die Misere spürbar verstärkte.

Am 12. August 1944 schrieb die Esslinger Zeitung, dass für den Stollenbau „bereits 11.200 Tagwerke vollbracht“ worden und über 1 km Stollenstrecke gebaut worden seien. Der Anteil der Bevölkerung an dieser Arbeitsleistung habe jedoch nur bei 23% gelegen. Zu diesem Zeitpunkt war die Stuttgarter Bevölkerung flächendeckend zum Bau von Pionierstollen herangezogen worden und errichtete in der Landeshauptstadt in Eigenarbeit rund 300 solcher Anlagen. Eine bis heute unbekannte zwei- bis dreistellige Zahl von kleinen Privatstollen ist dem noch hinzuzurechnen.

Im Herbst 1944 fasste OB Klaiber die Situation folgendermaßen zusammen: Es seien 1,5 Stollenkilometer geschaffen worden. Die Arbeit sei zu 29% von der Stadt (mit Zwangsarbeitern), zu 28% von der Industrie (überwiegend mit Zwangsarbeitern), zu 28% von der Bevölkerung, zu 10% von der Wehrmacht und zu 5% von Kriegsgefangenen ausgeführt worden.

Der Druck der Partei führte dazu, dass auf den Baustellen teilweise Gruppenleiter der Partei vor Ort waren, wie etwa bei Stollenbau in Mettingen. Durch eigenen Arbeitseinsatz, aber auch durch gezielte Kampagnentätigkeit und Druck auf die Bevölkerung sollten sie die Arbeiten beschleunigen.

Zum Jahreswechsel 1944/45 kam der Stollenbau in Esslingen mangels Arbeitskräften weitgehend zum Erliegen. Der geplante Stollen für Patienten und Belegschaft des Krankenhauses wurde nicht mehr realisiert. Mit den Arbeiten hatten 10 Eisenbahn-Pioniere begonnen. Diese waren am 10. Januar 1945 wieder abgezogen worden. Die für die weitere Arbeit vorgesehenen Russen standen dann offenbar nicht mehr zur Verfügung.

Trotz der 26 Luftangriffe blieb Esslingen weitgehend unzerstört, vor allem im Vergleich zu Stuttgart. So war OB Klaiber auch verärgert, als nach den schweren Luftangriffe auf Stuttgart die ausländischen Arbeitskräfte der Esslinger Betriebe zur Trümmerbeseitigung in Stuttgart zwangsverpflichtet wurden. Dieser Einsatz war zusätzlich zur Arbeit in den Esslinger Betrieben zu leisten (also quasi „nach Feierabend“), und er war körperlich anstrengend. Somit fielen diese Arbeitskräfte für den Stollenbau in Esslingen aus. Unter diesen Umständen blieben auch die ab 1944 existierenden Pläne zur Untertage-Verlagerung von Produktionsstandorten Esslinger Firmen reines Wunschdenken. Manche Firmen verlagerten ihre Produktion ins weniger gefährdete Umland in dortige stillgelegte Betriebe.

Dennoch wurde z.B. am Stollen in der Panoramastraße bis März 1945 gebaut. Die Firma Karl. W. Müller (Hersteller der Elektror-Großsirenen) setzte dafür vor allem Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein, die zusammen 70% der geleisteten 4.219,5 Stunden erbrachten. 30% der Arbeiten wurden von deutschen Arbeitskräften ausgeführt.

Kalter Krieg

In den 1960er Jahren wurde damit begonnen mehrere Stollen in Esslingen für die neuen Bedrohungsszenarien zu modernisieren. Die teilweise mit Betonfertigteilen, mitunter auch nur mit Holz ausgeschalten Wände wurden mit Spritzbeton gesichert. die Elektrik und damit die Beleuchtung wurde erneuert. Auch im Sanitärbereich sollten entsprechende Modernisierungen durchgeführt werden. Vor allem aber würden die Stollen neue Lüftungs- und Filteranlagen benötigen.

Ein Heranziehung der Zivilbevölkerung oder der örtlichen Unternehmen war bei diesen Bauprojekten nicht möglich. Die Ertüchtigung ehemaliger Weltkriegsbunker für die Bedürfnisse des Kalten Krieges lag in der Verantwortung der Öffentlichen Hand, wo sich Bund, Länder, sowie Städte und Gemeinden über die Kosten verständigen mussten.

Es ist davon auszugehen, dass dieser Aspekt dazu führte, dass die Ertüchtigungsarbeiten in Esslingen stockten. Denn auch wenn die Gründe diesmal andere waren, so war der Effekt ähnlich. Die Bauarbeiten kamen nur bis einem bestimmten Punkt voran. Danach wurden sie abgebrochen. Von den ehemaligen Luftschutztollen aus dem 2. Weltkrieg wurde in Esslingen keiner als ABC-Bunker fertig gestellt und in Betrieb genommen. Die Stollen, die heute noch vorhanden sind, erzählen dadurch mitunter eine wechselhafte Geschichte und präsentieren sich in manchen Fällen als doppelt unvollendet: Im 2. Weltkrieg nicht komplett fertiggestellt, in den 1960er Jahren nur bis zu einem gewissen Punk modernisiert un dann sich selbst überlassen. Ein Beispiel hierfür ist auch der Stollen in der Mülberger Straße.

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