Lünig’sche Fabrik

Neben Luftangriffen auf grenznahe Städte und der sich bis zur Hungersnot verschlechternden Versorgungslage der Zivilbevölkerung war die Veränderung des Arbeitsalltags eine der deutlichsten Auswirkungen des 1. Weltkrieges auf die Zivilbevölkerung.

Ein Beispiel für diese mitunter tragischen Folgen ist der Lünig’sche Klischeebetrieb in der Feuerbacher Tunnelstraße, der seit Kriegsbeginn Leucht- und Signalpatronen für den Heeresbedarf produzierte. Die meisten der 31 Beschäftigten waren minderjährig. Dies war zur damaligen Zeit keine Seltenheit. Die Fabrik befand sich neben dem Felsenkeller und damit innerhalb des während der Industrialisierung gewachsenen Feuerbacher Industriegebiets das ab der heutigen Leobener Straße bis zum Bahnhof hin entstanden war und sich die Tunnelstraße hinaufzog. Das Areal ist heute weitgehend urban genutzt, das letzte noch als solches erkennbare ehemalige Industrieareal ist das der Firma Schoch, das 2015 abgebrochen werden soll.

Auch östlich des Bahnhofs setzte sich das Industriegebiet bereits vor dem 1. Weltkrieg fort. Dort war damals die größte Fabrik der noch heute existierende Gebäudekomplex des Briefordnerwerks Leitz. Es war zu dieser Zeit ein durchaus üblicher Standort für die Produktion von Patronen.

Am Morgen des 09. Dezembers 1916 gegen 10 Uhr erschütterte eine heftige Explosion die Tunnelstraße. Die Druckwelle zerstörte ein Drittel der zur Bahnlinien ausgerichteten Fensterscheiben der Briefordnerfabrik. Die Lünig’sche Klischeefabrik stand in Flammen. Bis heute ist nicht klar, warum in dem Rüstungsbetrieb ein Brand entstanden war, der zu einer gewaltigen Verpuffung geführt hatte.

Für die Löscharbeiten wurden alle verfügbaren Kräfte herangezogen: Die Feuerbacher Feuerwehr, die Feuerwehr-Bereitschaft der lokalen Garnison und die Stuttgarter Berufsfeuerwehr waren im Einsatz um den Brand zu bekämpfen.

Für 11 Beschäftigte der Fabrik kam jedoch jede Hilfe zu spät. Sie waren bei Brand und Explosion sofort getötet worden. Ihre Identifizierung war kaum noch möglich. Ein weiteres Opfer erlag seinen schweren Verletzungen. 10 der 12 Todesopfer waren zwischen 14 und 16 Jahre alt.

Verzögert worden waren die Rettungsarbeiten durch eine falsche Adresse der Firma Lünig beim Melderegister. So fuhr die Feuerwehr zunächst zum Killesberg und verlor wertvolle Zeit.

Der Gemeinderat der Stadt Feuerbach beschloss die Übernahme der Beerdigungskosten in einem gemeinsamen Grab und eine finanzielle Unterstützung der Angehörigen. Außerdem nahm die Stadt die Begräbnisstätte der 12 Opfer in Pflege. 1920 errichtete sie einen sarkophagähnlichen Grabstein. Dort sind auf zwei Tafeln die Namen der Opfer und ihre Herkunft aufgeführt. Der Grabstein steht noch heute beim Osteingang des Feuerbacher Friedhofs.

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