Führerhauptquartiere

Franz W. Seidler, Dieter Zeigert: Die Führerhauptquartiere, Anlagen und Planungen im Zweiten Weltkrieg

F.A. Herbig Verlagsbuchhandlung, München, 2000, ISBN: 3-7766-2154-0, 384 Seiten

Das Wissen um die Führerhauptquartiere ist sehr unterschiedlich. Während die Wolfsschanze eine ähnliche Prominenz besitzt wie der Führerbunker in Berlin, gab es etliche andere Anlagen, die in Vergessenheit gerieten und oft auch bewusst dorthin gebracht wurden. Die Tatsache, dass an irgendeinem Ort Baumaßnahmen durchgeführt wurden, um Adolf Hitler und seinen Tross zu beherbergen, ist nach wie vor ein Stigma, dem sich die betroffenen Gemeinden nicht aussetzen möchten. Schließlich bedarf es eines sehr differenzierten Umgangs mit einem solchen geschichtlichen Erbe.

In vielen Fällen war man seinerzeit durchaus begeistert, wenn der Diktator persönlich kam. Zuvor hatten häufig schon Zwangsarbeiter Schanz- und Betonarbeiten im Akkord verrichten müssen, um das Quartier zu erbauen. Und immer wieder hielt sich Hitler mit seinem Stab für einige Tage oder wenige Wochen in einer der Anlagen auf, um danach nie wieder zurückzukehren, wie etwa in „Tannenberg“, im „Felsennest“ oder in der Anlage „Siegfried“. Andere betrat er überhaupt nicht.

Zumeist wurden die Führerhauptquartiere nach rein strategischen Gesichtspunkten errichtet, was zu Beginn des Krieges noch einigermaßen Sinn machte. Vom „Felsennest“ aus kommandierte er den Angriff auf Frankreich. Parallel zu dieser Anlage waren weitere Hauptquartiere im Bau. Die Anlagen im Westen wurden teilweise als Erweiterung bestehender Stellungen realisiert, die um weitere Bunker und Einrichtungen ergänzt wurden. Nachdem sie von Hitler nicht mehr benötigt wurden, wurden sie in der Regel der Wehrmacht zur Landessicherung übergeben.

Bedenkt man, dass die Bauarbeiten an diesen Anlagen mehrere Monate in Anspruch nahmen, offenbart sich der anachronistische Charakter dieser Unternehmen. In Zeiten eines modernen Bewegungskrieges kann die Front bei Fertigstellung schon längst vollkommen anders verlaufen, als zu Baubeginn geplant. Dies zeigte sich an der Ostfront genauso wie im Westen 1944, als man überlegte, eines der älteren Führerhauptquartiere wieder zu aktivieren. Für die Ardennenoffensive wählte man schließlich den „Adlerhorst“, der ursprünglich Hitlers Stützpunkt für die Invasion in England werden sollte. Bis ins Frühjahr 1941 hatte man dieses Führerhauptquartier in Bereitschaft gehalten, da das Unternehmen „Seelöwe“ zunächst nur verschoben worden war.

Franz W. Seidler, emeritierter Professor für Sozial- und Militärgeschichte an der Universität der Bundeswehr in München und der Oberst a.D. Dieter Zeigert, der zeitweise das Ausweichquartier der Bundesregierung im Ahrtal kommandierte, haben für dieses Buch den Nachlass des Hauptbauleiters Siegfried Schmelcher, sowie das Tagebuch dessen Vertreters, Oberbauleiter Leo Müller ausgewertet, und so erstmalig eine umfassende und wohl vollständige Übersicht über die rund 20 Führerhauptquartiere zusammengestellt.

Die Fotos, Karten und Planskizzen geben einen interessanten und guten Überblick über die permanente Bautätigkeit der Organisation Todt, die immer neue Führerhauptquartiere schuf. In zahlreichen nüchternen Details und Tabellen vermitteln Seidler und Zeigert ein beeindruckendes Bild der immensen Ressourcenverschwendung, die mit diesen Aktivitäten einherging. Letztlich waren tausende Arbeitskräfte damit beschäftigt, zehntausende Kubikmeter Stahlbeton zu verarbeiten, um Hitler und seinen umfangreichen Tross aus Wachmannschaften, Generälen, Adjudanten, persönlichen Angestellten usw. der jeweiligen Front näher zu bringen.

Doch Seidler / Zeigert haben sich nicht alleine auf das Dokumentieren der Anlagen beschränkt. Sie liefern Analysen, Tagesabläufe, Erklärungen für getroffene Entscheidungen und machen das Thema Führerhauptquartiere somit transparenter. Zusatzinformationen zu den beweglichen Hauptquartieren (i.d.R. im Sonderzug) und zu Planungen für weitere Hauptquartiere, die bis Kriegsende vorlagen, runden dieses Buch ab.

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