Cannstatt Sulzerrainstraße

Am Verbindungsweg zwischen dem Eisenbahn-Viadukt Stuttgart-Münster und dem Mineralbad Cannstatt in Kurpark steht eine Betonsäule, die zwar klassizistische Anlehnungen aufweist, aber für eine Schmucksäule zu schlicht ist. Wer an diesem Weg sein Augenmerk auch auf den Hang zur Sulzerrainstraße hin richtet, findet zwei weitere gleichartige Konstruktionen, die allerdings nicht so hoch sind und eher im Hang liegen. Es sind die Lüftungskamine des 1941 an der Schmidener / Sulzerrainstraße gebauten Luftschutztollens.

Die Anlage wurde für 2.500 Personen geplant und komplett in Beton ausgeführt. Sie erhielt zwei Zugänge: Einen an der Schmidener Straße und einen an der Sulzerrainstraße. Der Zugang an der Schmidener Straße ist heute vermauert. Der zweite Zugang liegt im Gebäude Sulzerrainstraße 24. Ein Notausstieg führte über eine Leiter in den Kurpark.

Der Stollen liegt im Fels unter dem Kurpark und weist eine Überdeckung von bis zu 50 m auf. Die Gesamtlänge der Gänge beträgt 800 m. Die Kombination aus großer Überdeckung durch massiven Fels und zusätzlichem Betonausbau ermöglichte für einen Luftschutzstollen dieser Zeit mit bis zu 4 m ungewöhnlich breite Gänge. In der Anlage herrscht das ganze Jahr über eine konstante Temperatur von 11 Grad Celsius und eine hohe Luftfeuchtigkeit von 80-90 Prozent. Zwar heizten sich bei Fliegeralarm die Gänge durch die vielen Menschen auf, aber die hohe Luftfeuchtigkeit machte den Aufenthalt in dem Stollen unangenehm. Während des Krieges sollen in dem Bauwerk bis zu 3.500 Menschen Schutz vor Luftangriffen gesucht haben.

Das Bauwerk hat eine Gesamtfläche von 1981 qm. Im Stollen gab es elektrisches Licht, jedoch keine zentrale elektrische Lüftungsanlage. Auch einen Wasser- bzw. Abwasseranschluss  hatte der Stollen nicht. Es kamen Trockentoiletten zum Einsatz.

Nach dem Krieg wurde die Anlage an die Sektkellerei Rilling und das Weingut der Stadt Stuttgart vermietet. Die ganzjährig konstanten Temperaturen und Luftfeuchtigkeit waren gute Bedingungen für ein Weinlager, auch wenn durch die hohe Feuchtigkeit die Flaschen nur unetikettiert gelagert werden konnten. Die breiten Gänge ermöglichten den Einsatz von Paletten und Gabelstapler.

1961 wurde die Betreuung des Stollens dem Amt für Zivilschutz übertragen und die Anlage damit in die Zivilschutzbindung aufgenommen. Eine Instandsetzung oder Modernisierung erfolgte allerdings nicht. Die Räumlichkeiten wurden weiterhin als Weinlager genutzt. Seit 1991 ist das Weingut der Stadt Stuttgart alleiniger Nutzer des Stollens. Die Zivilschutzbindung wurde nach dem Ende des Kalten Krieges aufgehoben.

Eine Verbindung zum Stollen hinter dem Kursaal besteht nicht, gleichwohl die beiden Anlagen fast nebeneinander liegen.