Quellen-, Glocken-, Haldenstraße

Zwischen der Quellenstraße und der Altenburger Steige entstand in der zweiten Kriegshälfte ein Stollensystem das aus einem Pionierstollen und einem aufwändig betonierten Stollen bestand. Im Prinzip kann man das System auch in drei Abschnitten begreifen, da der Pionierstollen aus einem stärker verzweigten und einen weniger verzweigten Abschnitt bestand.

Industrie- und Wohngebiet

Das Gebiet der Quellenstraße war nur lückenhaft bebaut, unterhalb der Werksgebäude der Firma Wizemann waren die Häuserfronten zur Pragstraße hin mit Wohngebäuden geschlossen. Auf der Straße in Schwenkrain, die in die Glockenstraße übergeht, liegen noch heute die Reste der Industriegleise, die über die Haldenstraße in die Neckartalstraße führten.

Der Hang zwischen Glockenstraße und Lämmleshalde war weitgehend unbebaut und wurde teilweise von einer Gärtnerei bewirtschaftet. In der Glockenstraße 58-64 befand sich ein Teil der Eckart-Werke, das Gebäude Glockenstraße 36-37 wurde 1936 von der Firma Elektron-Co.m.b.H. bezogen, einer Abspaltung der Elektronmetall GmbH, in der die Fertigung von Rädern, Kolben und Flugzeugbeinen für die Luftfahrtindustrie zusammengefasst wurde. Während die Elektronmetall GmbH 1938 in Mahle KG umbenannt wurde, behielt die Elektron-Co. ihre Firmierung. Mit Werken in Cannstatt, Fellbach, und Berlin-Spandau produzierte sie auch den gesamten Krieg über Komponenten für die Luftfahrtindustrie, während sich Mahle im Hauptwerk an der Pragstraße auf die Fertigung von Kolben konzentrierte.

Die Gebäude Haldenstraße 1, 10a und 14 waren ebenfalls von Mahle genutzt, während das Gebäude 7a-f noch im Besitz der Firma Werner & Pfleiderer lag. Im weiteren Verlauf der Haldenstraße wechselten sich Wohngebäude und kleinere Fabriken ab.

Luftschutzmaßnahmen

Obwohl die Fabriken ihre Kellergeschosse mit teils erheblichem Aufwand zu weitläufigen Werksluftschutzkellern ausgebaut hatten, und entsprechende Maßnahmen auch in den Wohngebäuden durchgeführt worden waren, wurde während des Krieges offensichtlich, dass diese Maßnahmen nicht ausreichten. So entstand das Stollensystem, das sich vom Gebiet der Quellenstraße dem Verlauf der Lämmleshalde folgend zwischen Glocken- und Züricher Straße fortsetzte und dort in den Stollen an der Altenburger Steige (Brücken-/Haldenstraße) überging. Die Anlage sollte insgesamt ca. 2.000 Personen aufnehmen können. Es gab elektrisches Licht, einen Stadtwasseranschluss und Toiletten.

Brücken-/Haldenstraße

Es spricht vieles dafür, dass die Anlage nicht komplett als eine Einzelmaßnahme erstellt wurde. Für den Stollenbereich in der Quellen- und Glockenstraße ist die Quellenlage sehr dünn. Zum Bau des Stollens Brücken-/Haldenstraße gibt es einen Film, der die Bewachung der Baustelle durch Soldaten der Wehrmacht zeigt. Ob dies ein Hinweis darauf ist, dass die unweit des Stollens in der Dragoner-Kaserne untergebrachten Truppenteile eine Option zur Mitbenutzung des Bauwerks hatten, lässt sich nicht sagen. In den Schilderungen zur Tragödie am 15./16. März 1944 werden aber Soldaten dieser Kaserne erwähnt.

Ein Zugang des Stollens ist als Rampe ausgeführt und der Querschnitt dieses Stollens würde theoretisch die Einfahrt mit einem PKW ermöglichen. Allerdings hatte die Anlage keine leistungsfähige Lüftungstechnik, so dass die Einfahrt eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor nicht möglich war. Für diesen Stollen war das ausführende Bauunternehmen die Firma Karl Kübler, deren Firmensitz in der Keplerstr. 19 im Bereich des heutigen Uni-Geländes lag.

Der Teilstollen Brücken-/Haldenstraße ist als einziger noch erhalten. Der größte Teil der ursprünglich 3.695 qm großen Stollenanlage ist verfüllt, die meisten Zugänge wurden im Laufe der Zeit abgetragen. Im mittleren Stollensegment, das im Bereich der Glockenstraße in der Böschung lag, gab es mehrere Verästelungen. Ein Zugang lag direkt im Hof der Elektron-Co. Hier gelangte man ebenerdig in das Bauwerk.

Quellen- und Glockenstraße

Das Segment im Bereich der Quellenstraße ist weniger verzweigt. Die Zugänge lagen in den Flurstücken 840/1, 848/1 und 854/1. Der nördlichste Zugang lag mehrere Meter oberhalb des Stollens. Im Berg führte eine Treppe nach unten in die Schutzräume. Die beiden anderen Zugänge waren in Richtung Pragstraße ausgerichtet, wie auch die Zugänge im Segment hinter der Glockenstraße. Damit lassen sich auch die Anwohner des Industriegebiets Pragstraße als Hauptnutzer der Stollenanlage im Bereich Quellen-/Glockenstraße zuordnen. Anwohner der Altenburg mussten entweder zu diesen Eingängen oder zu den Eingängen im Bereich der Brücken-/Haldenstraße.

Das Stollensystem stand sowohl für die Zivilbevölkerung als auch für die Belegschaften der umliegenden Fabriken offen. Viele Anwohner waren wohl auch zugleich in den dortigen Fabriken beschäftigt. Die von der Fa. Mahle für ihre Belegschaft genutzten Stollensegmente waren durch Türen von den anderen Stollenteilen abgetrennt.

Ab 1943 wurde auf dem Areal der Firmen Mahle und Eckard eine leichte Flakbatterie stationiert. Die II/3/858 verfügte über drei 2 cm-Flak und zwei 3,7 cm-Kanonen. Ihr Gefechtsstand wurde ebenfalls in den Stollen gelegt. Die Kanonen wurden üblicherweise auf Holztürmen im Hof der Fabriken postiert.

Tragödie in der Altenburger Steige

Beim Luftangriff vom 15. auf den 16. März 1944 kam es am Eingang Altenburger Steige zu einer Tragödie. Beim Hinuntersteigen in den Stollen brach die Achse eines Kinderwagens auf der Treppe. Durch die Havarie kam der Zustrom der Schutzsuchenden ins Stocken und es brach Panik aus, da am Himmel bereits die von den Pfadfinder-Flugzeugen abgeworfenen Leuchtmarkierungen zu sehen waren. Im Gedränge kamen 23 Menschen um, die erdrückt oder zu Tode getrampelt wurden, darunter 12 Kinder. Die anderen 11 Todesopfer waren Frauen, die älteste unter ihnen war knapp 80 Jahre alt. Wie bei der Tragödie am Diakonissenplatzbunker hatten die Kinder gegen die in Panik in den Stollen drängenden Erwachsenen keine Chance, und auch die älteren Frauen hatten nicht die Kraft sich im Gedränge zu behaupten.

Den Schilderungen zufolge haben die Soldaten aus der Dragoner-Kaserne zur Verschärfung der Panik beigetragen, da sie beim Versuch in Lücken zwischen den Menschen zu springen mit ihren Armeestiefeln Zivilisten verletzten, die Stiefel beim Auftreffen auf dem Boden laute Geräusche erzeugten und das hektische Vorgehen der Soldaten die Panik der Schutzsuchenden verstärkte.

Als eine Konsequenz aus diesem Vorfall erging die Anweisung an die Bunker- und Stollenwarte, dass keine Kinderwagen oder andere sperrige Gegenstände in die Bunker mitgenommen werden dürfen. Ähnliche Regelungen gab es in anderen Städten teilweise bereits zuvor, etwa in Berlin.

Mit der voranschreitenden Neuordnung des Areals an der Quellen- und Glockenstraße werden auch die meisten noch sichtbaren Spuren der Stollenanlage in diesem Bereich verschwinden.

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