Nurflügler aus Tamm

 

Die Nurflügler der Horten-Brüder sind bis heute Gegenstand von Spekulationen, Legenden und Gerüchten. Immerhin sollten solche Fluggeräte nach den Vorstellungen der führender NS-Funktionäre mit Überschallgeschwindigkeit den Atlantik überqueren und amerikanische Städte angreifen.

Davon waren die Brüder Horten und die Firmen, die am sogenannten H-(Horten-)Programm arbeiteten zum Kriegsende jedoch noch weit entfernt.

Inzwischen sind mehrere seriöse Publikationen zum Thema erschienen. Manche lokale Einzelheiten sind aber immer noch unklar und bieten weiterhin Raum für Mythen. Hierzu gehört auch die Rolle, die die Möbelfabrik A. May in Tamm für die Produktion der Nurflügler spielte.

Mit der Firma waren 1944 Gespräche geführt worden, die in eine Auftragsvergabe im Rahmen des H-Programms mündeten. Doch damit hört die beweisbare Geschichte auf. In Tamm und Umgebung halten sich Gerüchte wonach ein fertiger, funktionsfähiger Nurflügler 1945 in der Halle der Firma May gestanden haben soll und dann bei einem Feuer zerstört wurde. Die Schilderungen sind sich nicht einig ob der Brand durch Kriegseinwirkung zustande kam, oder gelegt wurde. Anderen Erzählungen zufolge soll die Maschine den Amerikanern in die Hände gefallen sein. Zumindest dies scheint unwahrscheinlich: Da Tamm zunächst unter französischer Militärverwaltung stand, wäre ein fertiger, unversehrter Nurflügler mit Sicherheit umgehend nach Frankreich transportiert worden.

Die Möbelfabrik A. May und die Luftfahrt

Die Firma A. May errichtete 1929 einen Fabrikneubau direkt neben dem Bahnhof in Tamm. Das Werk erhielt einen eigenen Gleisanschluss, der im Vorjahr genehmigt worden war. Das Unternehmen hatte sich zunächst übernommen. Im Dezember 1931 musste die Gewerbesteuer gestundet werden.

1940 betrieb A. May zwei Geschäfte in der Stuttgarter Innenstadt: Das Hauptgeschäft Holzstr. 3- 13 und eine Filiale in der Königstr. 1. In der Augsburger Str. 742 – 744 in Untertürkheim unterhielt sie ein Lager, die Fertigung fand in Tamm statt. Zu diesem Zeitpunkt bestanden bereits gute Kontakte zur SS.

Wie praktisch alle Unternehmen der Möbelindustrie wurde auch A. May im Laufe des Krieges in die Rüstungsproduktion einbezogen. Die Branche fertigte insbesondere für die Luftwaffe. May produzierte u.a. Tragflächen für die Klemm Kl 35 und Holzteile für die Me 323. Wieviele Mitarbeiter A. May hierfür beschäftigte ist leider nicht bekannt.

Einbindung in das H-Programm

Gegen Ende des Krieges bescherten die Verbindungen zur SS der Firma ganz besondere Aufträge. Die SS-Mitglieder Reimar und Walter Horten hatten bereits vor dem Krieg mit ihren radikalen Nurflügler-Konzepten für Aufsehen gesorgt. Zunächst beschäftigten sie sich mit Segelflugzeugen, später kamen motorisierte Konstruktionen hinzu.

Da das neue Konzept eine Reihe von Anlaufschwierigkeiten hatte konnten sie das Vertrauen des Reichsluftfahrtministeriums unter Hermann Göring nicht gewinnen. Dort war man auf schnelle Serienreife aus.

Mit zunehmender Dauer des Krieges fanden die Ideen der Horten-Brüder allerdings Gehör. Ein Grund dafür war sicherlich, dass die beiden Konstrukteure für alle Entwürfe weitestgehend auf Holz als Material setzten. Angesichts der immer dramatischeren Materialknappheit in Deutschland war dies ein starkes Argument für die Nurflügler.

So wurde unter Federführung der SS das H-Programm aufgesetzt, das die Serienreife und –produktion von Nurflüglern für die Luftwaffe erreichen sollte.

Am 21. Juni 1944 trafen sich die Horten-Brüder mit Vertretern der Firma May in Göttingen, um die Produktion von Tragflügeln in Tamm zu besprechen. Am 14. Juli 1944 erfolgte der Beschluss zur Fertigung von zunächst 20 Flügeln. Der Auftrag sollte ursprünglich an Klemm gehen, dessen Fertigung am Flughafen Böblingen aber keine freien Kapazitäten aufwies.

Die 20 Flügelsets von May sollten für Ho 229 sein, deren Endmontage in Gotha erfolgen sollte. Dieses Flugzeug war als zweistrahliger Bomber gemäss der von Hermann Göring aufgestellten „1000-1000-1000-Spezifikation“ konzipiert: Die Spezifikation verlangte eine Tragkraft von 1000 kg Bombenlast, eine Reichweite von 1000 km und eine Geschwindigkeit von 1000 km/h. Zusätzlich hatte A. May einen Auftrag über 12 Segeltrainer H III erhalten.  Am 21. September 1944 erfolgte die Aufnahme des Horten-Projekts in das Jäger-Sonderprogramm SS 4902. A. May sollte das Material über Gotha bestellen.

Kriegsende

Am 09. April 1945 erreichten französische Truppen Bietigheim und mehrere Nachbargemeinden, wo sie zunächst am Enzübergang scheiterten. In den folgenden Tagen erlebte auch Tamm immer wieder Tieffliegerangriffe und teils stundenlangen Beschuss durch französische Artillerie, der erhebliche Gebäudeschäden verursachte.

Am 14. April 1945 erreichten Verbände der US-Armee das Werk der Gothaer Waggonfabrik in Friedrichroda. Dies bedeutete das faktische Ende der Ho 229-Produktion. Nach Abzug der Deutschen Verteidiger aus der Enzlinie war für Tamm der Krieg am 22. April vorbei.

Der Umfang der Produktion bei May in Tamm ist bis heute unklar. Die Produktion von Flügeln für Horten ist nach Berichten von Einheimischen zumindest in gewissem Umfang angelaufen. Einen komplett fertigen Nurflügler kann es den vorliegenden Informationen nach nicht gegeben haben. Dennoch dürften wohl im April 1945 Flügel für die Ho 229 oder für die H III in Tamm gelagert worden sein, die eventuell wirklich durch einen Brand aus unbekannter Ursache zerstört wurden. Es ist aber auch eine weniger spektakuläre Möglichkeit denkbar. Nach Kriegsende war Holz begehrt. Die Flügel könnten durchaus als Brennholz oder als Material zur Reparatur von beschädigten Häusern verwendet worden sein.

Die Horten-Brüder hatten sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Tierstein bei Dietingen in der Nähe von Rottweil niedergelassen und weiterhin an ihren Segelflugkonzepten gearbeitet. Zeitzeugen zufolge gab es auf dem nahen Klippeneck auch Testflüge mit einer Horten IV b.

Die in Dietingen gebauten Flugzeuge und ihre Baupläne fielen am 18. Juni 1945 den Amerikanern in die Hände. Die Möbelfabrik May ist aus dem Ortsbild von Tamm verschwunden. Auf dem Areal stehen heute Gebäude der Fa. Marabu, eine Tankstelle und ein neueres Geschäftsgebäude.

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