Alte Steige

In Luftlinie ziemlich genau zwischen dem Kräherstollen und dem Fahrionstollen befand sich der Stollen an der Alten Steige. Um seine Größe und seinen tatsächlichen Verlauf ranken sich zahlreiche Gerüchte. Auch scheint es nicht ersichtlich, wieso an einer so relativ abgelegenen Ecke zwischen zwei umfangreichen Luftschutzstollen noch ein weiterer Stollen angelegt wurde. Alles spricht dafür, dass es sich um einen privaten Stollen von Anwohnern gehandelt hat.

Seine versteckte Lage scheint auch nach Kriegsende dafür gesorgt zu haben, dass das Bauwerk offiziell sehr schnell in Vergessenheit geriet. Wie uns ein Zeitzeuge berichtete, konnten Anfang der 60er Jahre dort noch Stahlhelme der Deutschen Wehrmacht gefunden werden. Die Kinder aus der Umgebung nutzten den Stollen als Abenteuerspielplatz und brachten die Fundstücke zum Altmetallhändler. Zur damaligen Zeit war dies eine übliche Art, das Taschengeld aufzubessern.

Als die Hinterlassenschaften der Wehrmacht komplett verhökert und die Kinder etwas größer waren, fand sich weiterhin Verwendung für den Stollen. So berichtet ein Zeitzeuge, dass es ein idealer Ort war „um mit den Mädchen mal alleine und ungestört zu sein“. Diese Nutzung schien noch bis Anfang der 70er Jahre möglich. Der Eingang sei bereits von Büschen zugewachsen gewesen, so daß er von Außenstehenden nicht mehr erkennbar gewesen sei.

Die Abgelegenheit war es letztlich auch, die dafür sorgte, dass die Stadt Stuttgart den Stollen komplett verschloß. Es sei nicht mehr in jedem Detail nachvollziehbar, was wirklich passiert ist, so der Zeitzeuge. Jedenfalls habe es ein Ereignis gegeben, bei dem ein junges Mädchen am Eingang zufällig vorbeikam und aus dem Stollen ein Mann herauskam. Ob der Mann dem Mädchen aufgelauert habe oder ob der Stollen einem Obdachlosen als Unterschlupf gedient hatte, der zufällig zum falschen Zeitpunkt auf der Bildfläche erschien, war nicht mehr zu ermitteln.

Die Stadt reagierte jedenfalls umgehend und errichtete jenes bizarre Bauwerk, das noch heute vor dem ehemaligen Eingang zum Stollen an der Alten Steige steht. Fast scheint es, als habe man nicht genau gewusst, was man mit dem ehemaligen Eingangsbereich anfangen solle. So entstand ein betoniertes Karrée, das hangseitig eine Stützkonstruktion trägt und zur Straße hin mit Maschendraht abgesperrt ist. Die freistehende Südost-Seite der Stützmauer ist nach außen in Beton ausgeführt und verfügt im Erdreich sogar über eine Styropordämmung. Die merkwürdige Kombination aus massiven Stahlträgern, Beton und Holzbohlen gab immer wieder Anlaß zu Spekulationen über die Geschichte dieses Ortes, und die genaue Lage des früheren Eingangs.

Nach dem uns vorliegenden Plan war der Stollen maximal 30 Meter lang und führte im rechten Winkel zur Straße in den Hang. Um eine höhere Überdeckung zu erreichen wurde er nicht ebenerdig in den Untergrund getrieben, sondern führte nach unten weg. Der einstige Eingang liegt heute hinter der Betonwand und ist nicht mehr zu erkennen.

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