Das Durchgangslager in Bietigheim

Dulag BietigheimChristine Sämann: Das Durchgangslager in Bietigheim

Hrsg. vom Archiv der Stadt Bietigheim-Bissingen, ISBN 978-3-9812755-4-4, 285 Seiten

Am 17.12.1941 teilte der Präsident des Landesarbeitsamtes Südwestdeutschland dem Bietigheimer Bürgermeister Gotthilf Holzwarth mit, dass die Voraussetzungen für die Errichtung eines Durchgangslagers „in Bietigheim in günstiger Weise gegeben“ seien.

Das „entgegengebrachte Verständnis“ der Stadt Bietigheim „in den Verhandlungen über die Frage des Baugeländes“ wurde lobend erwähnt. Für das Durchgangslager stellte die Stadt ein unbebautes Gelände im Laiernwald zur Verfügung, auf dem 32 Baracken für 1.200 „Ausländer“ entstehen sollten. Geplant war eine Inbetriebnahme zum 15.03.1942. Allerdings war das vorgesehene Gelände von der Stadt Bietigheim zuvor schon an mehrere Firmen verkauft worden, die dort Betriebserweiterungen errichten wollten.

Bürgermeister Holzwarth versprach den Firmen im Gegenzug für die Nutzungsüberlassung des Grundstücks eine großzügige und priorisierte Zuteilung von Arbeitskräften an die betroffenen Firmen, die daraufhin einwilligten.

Die Konzeption der Durchgangslager (Dulag) war 1941 entwickelt worden. In diesen Lagern sollten alle Personen zentral untergebracht werden, die zwangsweise zum Arbeitseinsatz nach Deutschland deportiert wurden, außer Kriegsgefangenen, die in eigenen Lagern untergebracht waren. Die Lager unterstanden den Landesarbeitsämtern.

Entsprechend der Bezeichnung waren die Dulag keine KZ und waren auch nicht für die dauerhafte Unterbringung bestimmter Personen vorgesehen. Sie sollten vielmehr als Umschlageinrichtung fungieren, in der die Deportierten erstaufgenommen wurden und entlaust werden konnten. Von hier aus sollten die Zwangsarbeiter auf ihre jeweiligen Einsatzstellen weiter verteilt werden. Das Dulag Bietigheim war das einzige im Zuständigkeitsbereich des Landesarbeitsamts Stuttgart und damit für Südwestdeutschland.

Das Lager wurde bis 1944 mehrfach erweitert und bestand zuletzt aus 50 Baracken. Zwar gibt es keine exakten Aufzeichnungen, wieviele Menschen durch das Dulag Bietigheim geschleust wurden, doch liegt die Schätzung sowohl des ehemaligen Lagerleiters als auch des russischen Arztes im Lager bei ca. 200.000 Personen. Die meisten Zwangsarbeiter waren nur 2-4 Tage in Bietigheim, bevor sie weitertransportiert wurden. Im Durchschnitt war das Lager mit ca. 1.000 Personen belegt, 1944 erreichte die Belegung jedoch bis zu 3.000 Menschen.

Das Dulag nahm auch eine zentrale Rolle bei Zwangsabtreibungen bei Zwangsarbeiterinnen in Südwestdeutschland ein. Mindestens 1.000 Zwangsabtreibungen wurden hier vorgenommen. Zum Dulag gehörten das Krankenlager im Pleidelsheimer Wald und das Krankensammellager in Großsachsenheim, das direkt neben dem Fliegerhorst lag.

Christine Sämann hat die Geschichte des Dulag detailliert aufgearbeitet und damit auch einen wertvollen Beitrag zum Verständnis der 22 Durchgangslager im Allgemeinen geliefert, die es im Sommer 1942 im Reichsgebiet gab. Ihre Zahl wuchs bis Sommer 1943 auf 46 und es gab eine nicht genau spezifizierbare Zahl von kleineren, teils provisorischen Lagern, die bis Kriegsende hinzu kamen.

Somit ist das Buch nicht nur für alle interessant, die über die Geschichte Bietigheims von 1933-45 erfahren wollen, sondern auch für alle, die das Lager- und Verteilungssystem der Zwangsarbeiter im NS-Staat während des Krieges verstehen wollen.

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