Forchtenberg am Kocher

Forchtenberg ist eine kleine Stadt ca. 40 km ost-nordöstlich von Neckarsulm. Von 1919 – 1930 war hier Robert Scholl Bürgermeister, der Vater der Geschwister Scholl. Sie wuchsen hier auf, Sophie Scholl wurde hier geboren. 1298 wurde der Ort erstmals urkundlich erwähnt. Bis in die Amtszeit Robert Scholls blieb es aber ein kleines Städtchen mit einer Einwohnerzahl im unteren vierstelligen Bereich. Mit dem Anschluss an die Kochertalbahn am 22. Juni 1924 erlebte Forchtenberg einen gewissen wirtschaftlichen Aufstieg.

Das Entstehen der NSU

1873 wurde in Riedlingen die „Mechanische Werkstätte zur Herstellung von Strickmaschinen“ gegründet, die 1880 nach Neckarsulm verlegt wurde. Ab 1886 stellte das Unternehmen auf Fahrräder um und spielte ab 1901 bei der Entwicklung von Motorrädern in Deutschland eine maßgebliche Rolle. Seit 1892 verwendete das Unternehmen die Bezeichnung NSU als Marke, die als Abkürzung für Neckarsulm steht. 1897 firmierte das Unternehmen offiziell als „Neckarsulmer Fahrradwerke AG“.

Mit dem dreirädrigen „Sulmobil“ stieg die Firma 1906 auch in die Entwicklung von Autos ein. Die langjährige Beliebigkeit von Namen und Marken des Unternehmens wurde 1913 neu geordnet. Der Firmenname lautete nun „Neckarsulmer Fahrzeugwerke AG“ und „NSU“ war das offizielle Markenzeichen. 1913 wurden mit rund 1.200 Arbeitern ca. 13.000 Fahrräder und 2.500 Motorräder gefertigt. Viele Motorräder gingen in den Export. Im Ersten Weltkrieg wurden u.a. Motorräder für das Heer, aber auch LKW mit 1,25 und 2,5 Tonnen Nutzlast produziert.

Vom Fahrrad zum Anlasser für Strahltriebwerke

1938 lag die Belegschaft bei 3.500 Mitarbeitern, die Fertigung betrug rund 136.000 Fahrräder und 63.000 Motorräder. Die Automobilproduktion war 1931 nach einer gescheiterten Expansion in den 1920er Jahren eingestellt worden. Eines der bekanntesten Produkte der NSU während des Zweiten Weltkriegs war das Kettenkrad Typ HK 101 (Wehrmachtsbezeichnung Sd.Kfz. 2), das bei der Wehrmacht aber auch bei der Luftwaffe für zahlreiche Aufgaben eingesetzt wurde, zumeist als Zugmaschine für leichte Geschütze und für Flugzeuge. In Neckarsulm wurden 7.500 Exemplare davon gebaut.

Ca. Mitte 1944 bekam die NSU einen Auftrag der Luftwaffe zur Fertigung von Riedel-Anlassern. Dies waren sehr kompakte kleine Zweizylinder Zweitakt-Boxermotoren, die dafür konstruiert waren, die Strahltriebwerke Jumo 004 und BMW 003 auf Anlassdrehzahl hochzufahren. Der nach seinem Konstrukteur Norbert Riedel benannte Anlasser wurde in die Nabe des Verdichters der Turbine eingebaut. Das Juno 004 war das Standardtriebwerk für die Me 262, das BMW 003 wurde serienmäßig für die Heinkel He 162 produziert. Die Arado Ar 234 wurde mit beiden Antrieben bestückt.

Riedel arbeitete bei Victoria in Nürnberg, wo sein Anlasser zunächst in Serie ging. Der Auftrag an die NSU mag mit der geplanten Me 262-Fertigung in Vaihingen/Enz und später in Schwäbisch Hall zusammengehangen haben.

Projekt „Glasaal“

Für die Produktion wurde im Sommer 1944 das Gipswerk Forchtenberg am Kocher sichergestellt. Dort sollte die NSU 1.500 qm unterirdische Produktionsfläche zugewiesen bekommen. Das Projekt erhielt den Decknamen „Glasaal“.
Die unterirdischen Kavernen und Stollen wurden teilweise ausbetoniert, Zwischenwände aus Ziegelmauerwerk eingezogen, elektrische Kabel und Wasserleitungen verlegt und sanitäre Anlagen eingebaut.  Auch ein Ziegelhäuschen wurde errichtet, das offenbar der Fertigungsleitung als Büro diente.
Unterlagen zur Anlage und Produktion sind praktisch nicht mehr vorhanden. Der Ausbauzustand der Räumlichkeiten legt nahe, dass die Produktion vermutlich noch angelaufen war, gleichwohl Teile der Anlage offenbar noch im Rohbaustadium lagen.

Auch die einschlägige Literatur wie etwa die Publikationen zu den Außenlagern des KZ Natzweiler-Struthof erwähnt Forchtenberg nicht. Obwohl die Neckarlager und ihre Außenkommandos inzwischen recht gut aufgearbeitet sind, gibt es bislang keine eindeutige Zuordnung Forchtenbergs zu einem der Lager. Damit fehlen auch die Angaben zur Dauer der Bauarbeiten und der eingesetzten Arbeitskräfte. Dass die umfangreichen Bauarbeiten 1944 ohne Zwangsarbeiter möglich waren, ist undenkbar.

Viele Fragen und ein Streit ums Geld

So bleibt letztlich der Augenschein und die Analyse der Räumlichkeiten. Hier bietet das Objekt „Glasaal“ heute ein sehr uneinheitliches Bild. Neben aufwändig ausbetonierten Räumen sind andere im Laufe der Zeit eingestürzt, weil es dort überhaupt keinen Innenausbau gegeben hat. Die mitunter massiven Verbrüche erlauben nicht einmal eine genaue Bestimmung der Ausdehnung der Anlage. Manche Teile sind schlicht nicht mehr zugänglich.

Dies führte bereits vor Jahren zu einer Auseinandersetzung, die leider symptomatisch ist. Das Grundstück des ehemaligen Gipswerks Forchtenberg befindet sich weitgehend in Privatbesitz. Teile der Kavernen liegen aber z.B. unter öffentlichen Wegen. Da die Einstürze der ungesicherten Teile der Anlage eine Gefährdung der Öffentlichkeit nach sich ziehen würden, verlangte die Stadt Forchtenberg vom Eigentümer eine Verfüllung der Anlage auf eigene Kosten – eine Maßnahme, die der Eigentümer finanziell gar nicht leisten könnte.

Die öffentlichen Stellen erklärten sich für die Anlage und damit für die Verfüllung nicht zuständig. Dieser Streit um Zuständigkeiten, Verantwortung und letztlich um die finanzielle Last solcher späten Kriegsfolgen ist in vielen Fällen noch immer aktuell und hat bis heute keine befriedigende politische Lösung erfahren. Selbst Anlagen, die baulich in einem einwandfreien Zustand sind, fallen mitunter der Angst vor Folgekosten zum Opfer. Sie verschwinden dann zunächst aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit und später aus dem Gedächtnis.

Nachwort

Die NSU wuchs nach dem Krieg zum größten Zweiradhersteller der Welt und begann 1953 auch wieder mit dem Bau von Autos. Mit der Fusion der NSU AG und der Auto Union GmbH, Ingolstadt am 21. August 1969 zur Audi NSU Auto Union AG mit Sitz in Neckarsulm wurde erstmals der Firmenname Audi öffentlich platziert. Mit der Umfirmierung in Audi AG 1985 trat er die offizielle Nachfolge des Firmennamens NSU an. Der Firmensitz wurde nach Ingolstadt verlegt. Lediglich im Börsensymbol für die Audi-Aktie lebt der Name NSU noch weiter.

Die Kochertalbahn wurde 1995 stillgelegt und ist inzwischen zurückgebaut. Der Personenverkehr war bereits am 30.05.1981 eingestellt worden.

Die Fotos entstanden 2007. Inzwischen wurden Teile der Anlage verfüllt.

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