Haidhausen

Der Münchener Ostbahnhof wurde 1871 außerhalb von Haidhausen an der Bahnlinie von München nach Salzburg erbaut. Der neue Bahnhof entstand am Rande eines seit dem Mittelalter besiedelten Gebiets, das durch die Bahn und damit verbundene Betriebe eine weitere Aufsiedlung erfuhr. In der Folge wuchs Haidhausen mit München zusammen.

1904 lag mit dem Staffelbauplan ein Leitplan für die zukünftige Entwicklung von Industriegebieten im Stadtgebiet Münchens vor. Zu den darin ausgewiesenen Gewerbegebieten gehörte auch das Areal auf der dem Wohngebiet abgewandten Seite der Gleisanlagen. Trotz Bahnanschluss schien es dem Gebiet jedoch an Attraktivität zu mangeln, es entwickelte sich bis Ende des Ersten Weltkriegs nur unwesentlich. In den 1920er Jahren erfolgte zunächst eine weitere Bebauung mit Wohngebäuden östlich des Gewerbegebiets. In der Folge zogen einzelne Unternehmen nach. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war das Industriegebiet am Ostbahnhof weitgehend erschlossen wenngleich noch immer einzelne Baulücken vorhanden waren.

Im Bereich der heutigen Rosenheimer Straße / Anzinger Straße entstanden vier Luftschutztürme, die bis heute erhalten sind. Die Türme sind in einen Gebäudekomplex eingefügt, dessen Grundriss eine Zickzack-Struktur aufweist. Die Gebäude, die heute zwischen den Luftschutztürmen stehen, sind fast durchweg nach dem Krieg errichtet worden. Da das Gewerbegebiet im Krieg mehrfach durch Luftangriffe getroffen wurde, fielen die ursprünglichen Bauten wohl teilweise dem Krieg zum Opfer.

Die Hochbunker sind in zwei Varianten ausgeführt, je zweimal als Mittelbau zwischen zwei Gebäuden in einer Reihe und als Ecktürme, die zwei Gebäudeblocks verbinden. Alle Türme haben sechs oberirdische Stockwerke. In alle wurden nach dem Krieg Fensteröffnungen gesprengt. Heute sind sie gewerblich genutzt und fügen sich weitgehend unauffällig in die sachliche Industriearchitektur des Areals ein.

Die Errichtung von vier Luftschutztürmen auf so engem Raum war ungewöhnlich, für die Stadt München jedoch nicht einzigartig. Die Mustersiedlung der Bayerischen Landesbrandversicherung an der Prinzregentenstraße umfasste ein ähnliches Konzept. Unterlagen über die Hochbunker an der Rosenheimer Straße sind spärlich, so dass eine abschließende Bewertung ihres Einzugsgebiets bzw. ihrer genauen Bestimmung noch aussteht.

Wahrscheinlich dienten die Bunker ausschließlich dem Werksluftschutz. Ihre Konzeption hatte jedenfalls dort ihren Ursprung hat. 1939 erhielt die Berliner Baugesellschaft Friedrich Michaelis vom Reichsluftfahrtministerium die RL-Nummer RL3 – 39/208 für den Luftschutzturm Michaelis zugeteilt. Damit konnte das Konzept offiziell vertrieben werden. Laut Hersteller war der normierte Bunker freistehend oder als Anbau ausführbar. Eine erschöpfende Untersuchung ob die vier Türme in Haidhausen tatsächlich Michaelis-Türme sind, konnte freilich noch nicht vorgenommen werden. Es spricht aber einiges dafür: Die äußere Gestalt der Bauten, die Anzahl der Stockwerke und die Integration in eine Gebäudezeile als eine Art Reihenhaus entsprechen genau der Konzeption von Michaelis.

Dies wäre umso bemerkenswerter als dieser Typ bislang kaum beschrieben wurde und realisierte Projekte praktisch noch nicht dokumentiert sind. Das Unternehmen hatte sein Konzept 1939 relativ aufwändig beworben, und zwar explizit als eine Lösung für den Werksluftschutz.

Vermutlich sind die verkauften Exemplare auch ausschließlich in diesem Umfeld errichtet worden. So sind sie anders als die häufig sehr exponiert aufgestellten Türme der Bauart Winkel der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt geblieben. Sollte sich herausstellen, dass die Haidhausener Luftschutztürme tatsächlich von Michaelis stammen, könnten sie das einzige erhaltene Ensemble von Türmen dieser Bauart sein. Vielleicht gibt dieser Bericht aber auch den Anstoß zu Forschungen in anderen Orten und eröffnet die Chance zu einer weiterführenden Inventarisierung der Bauart Michaelis.

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