Bogenhausen

1939 begannen umfangreiche Planungen für eine großangelegte Erweiterung der städtischen Bebauung in München. Eines der Projekte zum Ausbau der „Hauptstadt der Bewegung“ war die „Neue Südstadt“, die zwischen Ostbahnhof und heutigem Fasangarten entstehen sollte.

Wie in Berlin und anderen großen deutschen Städten sollten stark typisierte, möglichst industriell zu errichtende Quartiere entstehen, deren ästhetische Gestaltung den Vorstellungen der Partei entsprach.

Den Planern und Bauern der innerstädtischen Siedlungsprojekte war durchaus bewusst, dass Ihre Bauten im Ausnahmezustand errichtet werden würden. Auch wurden die Realitäten des Krieges in den Wohnungsbau mit einbezogen.

Die Mustersiedlung der Bayerischen Landesbrandversicherung

1941 reichte die Bayerische Landesbrandversicherung ein Bauvorhaben an der Nordseite der Prinzregentenstraße ein. Hermann Giesler nannte als Zweck des Bauvorhabens: „Zur Vorbereitung des Wohnungsbaues der Südstadt beabsichtige ich die Errichtung von Musterhäusern“. Tatsächlich handelte es sich nicht um Wohngebäude im bisherigen Sinne. Gemäß Reichswohnungskommissar Dr. Ley wurden hier offiziell „Versuchsbauten“ konzipiert, die nach modernsten Erkenntnissen Schutz vor Luftangriffen bieten sollten.

Die Mustersiedlung war als Rechteck konzipiert, dessen lange Seite sich 165 Meter entlang der Prinzregentenstraße zog, begrenzt durch die Wilhelm-Tell-Straße und die Brucknerstraße, sowie rückwärtig durch die Zaubzerstraße. An jedem Eckpunkt des Carrés sollte ein sechsgeschossiger Hochbunker errichtet werden, der mit den angrenzenden Wohngebäuden verbunden war.

Die Wohngebäude selbst sollten durch sogenannte Geschossbunker unterteilt und stabilisiert werden. Diese waren als Turmbauten jeweils zwischen zwei Wohnungen angeordnet. Die Schutzräume im Geschossbunker konnten jeweils von einer Wohnung über einen abgewinkelten Gang für Splitterschutz und durch eine Gasschleuse direkt betreten werden. Eine schmale Wendeltreppe diente als Verbindung der einzelnen Geschosse innerhalb des Turmes. Über diese gelangte man auch in einen Verbindungsgang im Keller, der, ebenfalls über eine Gasschleuse, in das Kellergeschoss des benachbarten Hochbunkers führte.

Die früheste Freigabe zur Durchführung stammt vom 14.März 1942. Von 1942 bis 1944 wurde an der Mustersiedlung gemäß den Vorgaben für den „Wohnungsbau nach dem Krieg“ gebaut. Die Gebäude entsprachen den „Reichstypen für den Wohnungsbau“, die ausdrücklich als „Erprobungstypen“ vom Reichskommissar ausgegeben waren. Ihre Tauglichkeit sollte erst nach dem Krieg verbindlich festgelegt werden.

So findet sich auch auf den Plänen für die Versuchsbauten mit Datum vom 16.09.1943 der Vermerk: „Zeichnung ist unter Berücksichtigung der erst im Frieden lieferbaren Bauteile angefertigt. Nochmalige Kontrolle nach den jeweils neuesten Bestimmungen auch über Ersatzstoffe hat durch die örtliche Bauleitung zu erfolgen.“

Für den Bauteil an der Brucknerstraße erstellte der „Vertrauensarchitekt“ des Generalbaurats, Prof. Fritz Norkauer, die Pläne. Seine Vorgaben hatten auch bindende Gültigkeit für die Wohnungen der Brandversicherung an der Prinzregentenstraße und für die Eckbunker. Für die Brandversicherung leitete deren Architekt Walter Kratz die Planungen. Sein Gebäudetrakt ist die einzige fertiggestellte Wohnanlage für die „Neue Südstadt“.

Die Überreste der Versuchsbauten

Der Baukörper entlang der Prinzregentenstraße wurde zwar im Krieg beschädigt, jedoch danach repariert. So zeigt er noch heute mit dem erhöhten Erdgeschoss, den drei durch Sohlbändern ausgezeichneten Obergeschossen und dem folgenden schmucklosen vierten Obergeschoss die Fassadenstruktur der Südstadthäuser. Unter dem Dachgesims war noch ein Mezzaningeschoss eingeschoben. Die vier Hauptgeschosse hatten eine Höhe von je 3,23 Meter, das oberste Geschoss maß noch 3,10 Meter.

Die Anzahl der Wohnungen sowie die Wohnungsgrundrisse entsprachen dem Programm für den „Wohnungsbau nach dem Krieg“. Dem gemäß waren ca. 80% Vierraumwohnungen und je 10% Fünf- und Dreiraumwohnungen zu errichten. Bei den Versuchshäusern waren allerdings auch wenige Ein- und Zweizimmerwohnungen eingeplant worden.

Von den weiteren Baukörpern der Mustersiedlung standen bei Kriegsende zwei der Geschossbunker in der Brucknerstraße und drei der vier Hochbunker, die die Ecken des Komplexes markierten. Das gesamte Areal ist heute im Besitz der Versicherungskammer Bayern als Nachfolgerin der Bayerischen Landesbrandversicherung.

Die Hochbunker

Die Eckbunker haben einen nahezu quadratischen Grundriss von ca. 11 x 11 Metern. Die ebenerdigen Eingänge liegen jeweils zur schmalen Seite des rechteckigen Komplexes. Am Eingang liegt eine Gasschleuse, mit um 90 Grad versetzt angeordneter innerer Tür. Daran schließt sich eine Druckschleuse an, bevor man nach einer weiteren Biegung um 90 Grad in das Bunkerinnere gelangt.

Im Zentrum des Quadrats verbindet das Treppenhaus die Stockwerke miteinander, die mit Ausnahme des Untergeschosses alle im Verhältnis 1/3 zu 2/3 in zwei Bereiche geteilt waren. Diese sind direkt über das Treppenhaus zugänglich.

Der verantwortliche Architekt Fritz Norkauer beschrieb die Konzeption für diese Sammelräume folgendermaßen: „Für Jeden Hausbewohner eine Schlafmöglichkeit und für jede Familie einen eigenen Raum. Pro Person 3 cbm oder 0,6 qm. Je 20 Personen 1 Abortsitz. Gasschleuse mindestens 1,50 m breit“.

Die Räume für die Familien wurden mit hölzernen Zwischenwänden abgetrennt. Einen Wasseranschluss gab es nicht, auch ein Anschluss an die Kanalisation war nicht vorhanden. Der von Norkauer erwähnte Abortsitz war ein Bunkerklo (Trockentoilette) mit Torfmull. Es musste nach dem Ende eines Angriffs manuell gereinigt werden. Zwar waren für derartige Tätigkeiten ursprünglich Reinigungskräfte vorgesehen, gegen Ende des Krieges wurden dazu jedoch häufig Kriegsgefangene herangezogen, da andere Kräfte nicht verfügbar waren.

Im Kellergeschoss befand sich die Lüftungsanlage, die über ein Leitungssystem in den Bunkerwänden die Räume mit Frischluft versorgte. Sie konnte elektrisch oder mit Muskelkraft betrieben werden. Im Kellergeschoss befinden sich auch die Übergänge zu den angrenzenden Wohngebäuden.

Jeder Bunker war für ca. 200 Personen ausgelegt, Zeitzeugen aus der Nachbarschaft berichten allerdings, dass sich mit zunehmender Intensität der Luftangriffe mehrere hundert Menschen in den Luftschutztürmen drängten. Die Bauwerke bebten und schwankten unter der Wucht der in der Nähe einschlagenden Bomben. Die Stahlbetonwände leiteten das Dröhnen der Detonationen als allgegenwärtigen Lärm in alle Räume der Bunker, in denen zumeist nur das schummrige Licht der Bunkerkerzen die Angst in den Gesichtern der Insassen erkennen ließ.

Die beiden Luftschutztürme Prinzregentenstraße / Brucknerstraße und Brucknerstraße / Zaubzerstraße sind seit langem sich selbst überlassen und stehen leer. Über ihre Verwendung nach dem Krieg liegen keine Informationen vor.

Der Kunstbunker

Der Bunker Wilhelm-Tell-Straße / Prinzregentenstraße wurde nach dem Krieg als Wohnheim für Ausgebombte und Flüchtlinge verwendet. Hierfür wurde das Bauwerk an die städtische Wasserversorgung und an die Kanalisation angeschlossen, nach Geschlechtern getrennte Toiletten eingebaut und gemauerte Zwischenwände eingezogen, um Wohnräume zu schaffen.

In diesem Ausbaustadium befindet sich das Bauwerk noch heute. 1993 wurde es von dem Kunstsammler Wolfgang Tumulka angemietet, der in den Räumen des Hochbunkers eine Galerie und Räume für künstlerische Events einrichtete. Der „Kunstbunker Tumulka“ sollte zeitgenössischer Kunst eine ungewöhnliche Plattform bieten, die sich aus den spezifischen Räumlichkeiten des Hochbunkers ergibt. Dank dieser privaten Initiative war der Kunstbunker der einzige Hochbunker Münchens, der in begrenztem Umfang öffentlich zugänglich war.

Ab 2009 kämpfte der Kunstbetrieb im Bunker allerdings mit mehreren Problemen. Da die Bunker der Siedlung von je zwei Wohngebäuden über die Keller erreichbar sein sollten, wurde nur ein weiterer ebenerdiger Zugang erstellt. Mit der Abtrennung der Bunker von den Wohngebäuden ist der Bunker heute nur noch über diese Tür zugänglich. Ein Notausgang steht nicht zur Verfügung. Somit besteht die feuerpolizeiliche Auflage nur maximal 30 Personen zugleich ins Bauwerk zu lassen. Außerdem muss die Elektrik des Bunkers erneuert werden; eine Investition, die der Betreiber aus Eigenmitteln derzeit nicht zu leisten vermag.

Ein Kunstbetrieb war so nicht mehr aufrecht zu erhalten, so dass der Kunstbunker in einem Dornröschenschlaf fiel. Auch ein Konzept ihn teilweise als historisches Bunkermuseum zu nutzen konnte bislang nicht realisiert werden. So ist die Zukunft des Kunstbunkers weiterhin ungewiss.

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