Böheimstrasse

Der Bunker in der Böheimstraße 64/1 wurde direkt im Hof eines bestehenden Gebäudeblocks errichtet. Das flache Gebäude mit 589 qm Grundfläche besitzt ein ober- und ein unterirdisches Stockwerk. Der Bau wurde im Rahmen der ersten Vergabewelle Ende 1940 beschlossen. Ab der zweiten Jahreshälfte 1941 waren die Bauarbeiten abgeschlossen.

Da das Flachdachgebäude in einem abschüssigen Grundstück zwischen Wohnhäusern erstellt wurde, musste auf die Außenwirkung kaum Rücksicht genommen werden. Schon von der Böheimstraße aus erweckt das Areal den Eindruck, als ob es sich um ein normales Hofgrundstück handelt. Lediglich von den tieferliegenden Wohngebäuden aus fallen die massive Betonwand und das wuchtige Eingangsbauwerk mit Druck- und Gasschleuse auf. Allerdings stören sie auch nicht mehr als eine normale Stützmauer, wie sie an Stuttgarts Hängen üblich sind. Das Bunkerdach wird heute als Anwohnerparkplatz benutzt.

Da der Bunker nicht komplett unter der Erde liegt und ebenerdig betreten werden kann, wird er als Hochbunker klassifiziert, obwohl seine Raumaufteilung und innere Struktur mehr einem Tiefbunker entsprechen. Diese Sonderkonstruktion ist der besonderen Topologie Heslachs geschuldet, wo kaum ebenerdige Grundstücke für den Bunkerbau zur Verfügung standen.

Der Bunker verfügt über Toiletten, Waschräume, Elektrizität, Stadtwasseranschluss und Lüftungstechnik. Während des Krieges drängten sich bis zu 2.000 Menschen in das Bauwerk, das für die Anwohner der umliegenden Wohngebäude errichtet worden war.

Der Bunker überstand den Krieg unbeschadet und wurde schon bald nach Kriegsende von der Caritas als Wohnheim für Familien genutzt. Es waren überwiegend ausgebombte Familien, die hier untergebracht waren, oft Frauen und Kinder. In den Räumen hatte man Zweier- und teilweise sogar Dreierstockbetten bereitgestellt. Haken an der Wand ersetzten den Schrank. Es gab zumeist noch eine Sitzgelegenheit und eventuell einen Tisch.

50 Familien hausten im Bunker in teilweise extrem beengten Verhältnissen. Manche zu fünft in einem Raum. Andere hatten das Glück die ca. 6 qm „nur“ zu zweit teilen zu müssen. Doch Anfang 1946 war der Familienbunker für viele eine erste Hoffung auf Besserung. Viele waren ausgebombt, und danach bei Verwandten oder Bekannten untergekommen. Ihre Habseligkeiten waren dem Krieg zum Opfer gefallen, so dass sie kaum etwas mitbrachten, um die kleinen Räume vollzustellen. Für nicht wenige war es seit Monaten wieder die erste „eigene“ Bleibe.

Ein Vorraum im Bunker wurde zur Waschküche umfunktioniert. Dort wurde auch ein kleiner Herd hineingestellt, der mit Holz betrieben werden konnte. Im größeren Gemeinschaftsraum waren Holzbänke und Tische vorhanden. Er diente der Heimgemeinschaft als Aufenthalts- und Essraum und als Küche. Dort gab es einen einzelnen elektrischen Kocher. Eine Zeitzeugin berichtet, sie habe noch heute den Geruch des Bunkers in der Nase. „Es roch nach Kohl, verbrauchter Luft und ungewaschenen Menschen.“ Trotz der kaum noch vorstellbaren Verhältnisse beschreibt eine andere Zeitzeugin die Stimmung als relativ gut. „Man hat sich gegenseitig unterstützt und abgesprochen. Man war ja aufeinander angewiesen. Natürlich hat die Hygiene oft eine untergeordnete Rolle gespielt.“ Mit dem Kochen und Waschen, soweit das möglich war, stimmte man sich eben ab. Doch einmal gab es auch „einen regelrechten Aufstand“, erzählt sie. „Da hat einer kein Öl zum Kochen gehabt. Da hat er mit Lebertran gekocht. Er hat den Zorn des ganzen Bunkers auf sich gezogen.“

Ca. vier Monate lebte die Frau mit ihrer Tochter im Bunker, bevor sie eine Wohnung in Stuttgart bekam. Andere hatten weniger Glück. Noch 1949 lebten in Stuttgarts Bunkern ca. 2.000 Menschen. Die provisorischen Verhältnisse waren längst zum Politikum geworden und führten zu anklagenden Zeitungsartikeln.

Im Kalten Krieg wurde der Bunker in der Böheimstraße modernisiert. Heute bietet er 1.350 Schutzplätze.