Bunkerpartys in der Filderstr. 36

1871 hörte Stuttgart an der Filderstraße auf. An den südwestlichen Außenrändern der Stadt hatten sich Brauereien angesiedelt, in der Böblinger Straße (heutige Tübinger Straße) auf Höhe der Cottastraße genauso wie zwischen der Hauptstätter-  und der Filderstraße.

Erst 1876 beginnt die offizielle Geschichte des Marienplatzes mit der Gestaltung eines Parks, der nach Prinzessin Marie von Waldeck-Pyrmont benannt werden sollte, der Verlobten des späteren König Wilhelm II. In der fortschreitenden Industrialisierung wuchs die Stadt Stuttgart zu dieser Zeit rasant auf das noch dörfliche Heslach zu, das seit 1878 eine durchgehende Straßenverbindung nach Stuttgart hatte.

Aufsiedlung

Durch mehrere Siedlungsprogramme entstanden insbesondere ab 1902 die zum Teil noch heute erhaltenen Wohnquartiere zwischen dem Heslacher Ortskern und dem 1823 angelegten Fangelsbachfriedhof, die alsbald auch den Marienplatz umschlossen. Etliche Gewerbebetriebe wurden umgesiedelt, um Platz für die neuen Wohnquartiere zu schaffen. Mit den Wohnvierteln wuchs auch der Bedarf am Schulen, so dass auch an der Filderstrasse eine Grundschule errichtet wurde, die Filderschule.

In der Literatur über Stuttgart ist über die Schule praktisch nichts zu finden. In den 1990er Jahren wurde das Gebäude zunächst für die Ausstellung der Kunstakademie und dann als Atelierhaus genutzt. Von 1993 – 1994 war auch Susa Reinhardt als Künstlerin dort.

Im Untergrund

Das Gebäude verfügte über zwei Untergeschosse, die im 2. Weltkrieg als Luftschutzkeller genutzt worden waren. Das erste Untergeschoß war über einen Treppenabgang mit mehreren Türen im Haus erreichbar. Susa Reinhardt  beschreibt die Räume als verzweigt und komplex. Sie dürften sich auf über 200 qm erstreckt haben. Die Bunker-Atmosphäre weckte das Interesse der Künstlerin und einiger ihrer Kommilitonen, wie etwa Andy Vogel und Jan Kettenmann. In einem der Räume führte eine Eisenleiter in ein weiteres Untergeschoss. „Es war ein Gewölbekeller ohne Fenster, ohne Lüftung, ungefähr 100 Quadratmeter“, erinnert sich Susa Reinhardt. Für die Gruppe war klar, dass dieser Ort der ideale Ort für Bunker-Partys war.

Dabei war die Organisation alles andere als einfach: Es gab zu diesem Raum keine Treppe. Alles was nach unten oder nach oben sollte, musste über die Leiter transportiert werden. Das galt für die Technik und den Strom genauso wie für die Getränke und das Leergut und natürlich auch für die Besucher.

Ein Deutungsversuch

Die Beschreibung der Räume wird von mehreren Zeitzeugen unabhängig voneinander bestätigt. Da das Gebäude der städtebaulichen Neuordnung gewichen ist, sind Überprüfungen vor Ort nicht mehr möglich. Die außergewöhnliche räumliche Situation könnte eine Folge der Luftschutzmaßnahmen der späten 1930er Jahre gewesen sein.

In einem beispiellosen Bauprogramm waren vor allem in den größeren Städten die Keller der Häuser zu Luftschutzräumen ausgebaut worden. Um den Insassen Rettungswege zu ermöglichen, falls das Gebäude über ihnen durch Bombeneinwirkung eingestürzt und das Treppenhaus verschüttet oder durch Feuer unpassierbar geworden wäre, wurden die Wände zu benachbarten Kellern durchbrochen. In der Regel wurden sie durch einfache Ziegelmauern wieder verschlossen, die von den Verschütteten im Ernstfall mit vor Ort eingelagertem Werkzeug durchbrochen werden sollten.

Die Brauereien hatten üblicherweise weitläufige Kellersysteme angelegt, um das Bier lagern zu können. In Zahlreichen Städten, wie z.B. auch in Stuttgart-Möhringen, waren die Braukeller durch ihre solide Gewölbebauart und ihre Größe als Sammel-Luftschutzräume bevorzugt ausgebaut worden.

Es ist bislang nicht erwiesen, aber es liegt nahe, dass der untere Gewölberaum einst zum Keller der hier ansässigen Brauerei gehört hatte. Möglicherweise war er noch in Benutzung, als das Schulhaus gebaut wurde, so dass man dieses einfach an einer Stelle über dem Brauereikeller errichtete. Für solche Lösungen gibt es in etlichen Städten Beispiele. Im Rahmen des Ausbaus zu Luftschutzräumen könnte der Durchbruch mit der Eisenleiter geschaffen worden sein, als Notausstieg aus dem unteren Keller. Wenn nach dem Krieg  die Grundstücke neu geordnet wurden, hätte der Gewölberaum unter der Schule durch Abmauerung vom bisherigen Zugang getrennt worden sein können und als gefangener Raum nunmehr nur noch durch den Notausstieg erreichbar plötzlich zur Schule gehört.

Feiern bis zum Blaulicht

„Die Partys waren der Hit und die Leute standen vor dem Haus Schlange. Es waren sehr viele Leute da, ich glaube mehrere Hundert. Wir mussten sogar Türsteher aufstellen“, erinnert sich Susa Reinhardt und fügt hinzu: „Es war natürlich schnell ziemlich verraucht und neblig, mangels irgendeines Luftabzugs. Und Fenster hatte dieser Raum ja auch nicht.“ Auch keine Toiletten und keinen Notausstieg. „So weit hat ja damals auch keiner gedacht. Den Leuten war das egal, die wollten nur alle dabei sein“, lacht sie.

Die Nachbarn waren freilich weniger begeistert und riefen wegen des durch den Besucherstrom verursachten Lärms die Polizei. Nach zwei Partys im Februar 1994 war der „Club“ in der Filderschule bereits Geschichte. Eine dritte, bereits geplante Party in den unterirdischen Räumen konnten die Organisatoren nicht mehr durchführen.
Für sie und ihre Besucher blieb der „Club“ eine kurze und somit exklusive Episode.

Bereits 1992 hatte eine erste illegale Techno-Bunker-Party in der Hasenbergstraße stattgefunden. Halblegale und illegale Partys in Bunkern, Industriebrachen und anderen möglichst unterirdischen Örtlichkeiten entsprachen der Aufbruchstimmung einer Szene, die Stuttgart scheinbar aus dem Nichts zu einem Zentrum des deutschen HipHop machte.

Während 1992 in der Hasenbergstraße sogar das Fernsehen dabei war, gibt es von den Partys unter der Filderschule nur einige wenige Fotos. Wir veröffentlichen diese mit freundlicher Genehmigung von Susa Reinhardt.

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