Mülberger Straße

In der Mülberger Straße wurde in den frühen 1940er Jahren ein Luftschutz-Stollen für die Zivilbevölkerung errichtet. Bauherr war die Stadt Esslingen, die die meisten der öffentlichen Stollen realisierte. Anders als in Stuttgart war die Bereitschaft der Zivilbevölkerung zur Teilnahme an Stollenbauprogrammen nicht sehr ausgeprägt.
Die Stadt versuchte seit 1941 verzweifelt Arbeitskräfte vom Arbeitsamt zugeteilt zu bekommen, was jedoch scheiterte. So zogen sich die Bauarbeiten an den Stollen in Esslingen auch mitunter über ungewöhnlich lange Zeit hin.

Der Stollen in der Mülberger Straße wurde mit zwei Zugängen gebaut und präsentierte sich bei der Begehung 2010 in erstaunlich gutem Zustand. Ein Teil der Anlage wurde in den 1970er Jahren gesichert, mit Spritzbeton versiegelt und elektrifiziert. Der andere Teil der Anlage wurde in dem Zustand belassen, in dem sie nach Kriegsende aufgegeben worden war. Auf diese Weise erschien dieser Teil des Stollens wie eine Zeitkapsel, die den Eindruck vermittelte als seien die Baumaßnahmen erst vor kurzer Zeit eingestellt worden.

Das Baumaterial wie etwa die Betonfertigelemente oder die Rahmen zur Verschalung des Stollenprofils lagen größtenteils ordentlich gestapelt in den Gängen, als warteten sie nur darauf verarbeitet zu werden. An einer Stelle waren die Rahmen bereits aufgebaut. Lediglich der Rost am Metall widersprach der Vorstellung, dass die Arbeiter gleich wieder zurückkommen könnten, um den Bau fortzusetzen.

Dieser zunächst befremdliche Eindruck erklärt sich aus der Situation der Stadt Esslingen, die ab 1943 zwar Material und Maschinen zugeteilt bekam, nachdem sie in das Stollenbauprogramm des Luftgaukommandos VII aufgenommen worden war, jedoch nicht ausreichend Arbeitskräfte rekrutieren konnte, um diese auch entsprechend einzusetzen.

Und während z.B. in Stuttgart, aber auch z.B. in Bietigheim alle Bau- und Rohstoffe nach dem Krieg für Reparatur- und Wiederaufbauarbeiten aus den Stollen geholt wurden, hatte das kaum zerstörte Esslingen diesen dringenden Bedarf nicht. Die Stadt konnte relativ schnell auf einen Friedensmodus umschalten, in dem die Versorgung mit Lebensmitteln, Kleidern, Heizmaterial und die Konversion der Industrie auf zivile Produkte im Vordergrund standen.

In den während des Krieges entstandenen Barackenlagern konnten nach dem Krieg Flüchtlinge und Vertriebene aufgenommen werden. Eine Nachkriegsnutzung der Stollen war schlicht nicht notwendig.

Ob die Arbeiten in den 1970er Jahren dazu dienten, den Stollen in der Mülberger Straße für den Kalten Krieg nutzbar zu machen ließ sich nicht klären. Dagegen spricht, dass diese Maßnahme nicht durchgängig ausgeführt und ein Zugang verschlossen wurde. Es ist daher eher davon auszugehen, dass statische Bedenken zu der Teil-Auskleidung mit Spritzbeton führten. Ungeachtet des unklaren Hintergrunds entstand so eine ganz eigene Atmosphäre, die den Effekt einer Zeitkapsel weiter verstärkte.

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