KZ Leonberg

Joachim Baur und Birgit Werner (Hrsg.): Konzentrationslager und Zwangsarbeit in Leonberg

Stadt Leonberg, Stadtarchiv, Beiträge zur Stadtgeschichte 8, 2001, ISBN 3-988636-06-x, Taschenbuch, 464 Seiten

Das Ausmaß der vor allem in den letzten beiden Kriegsjahren 1944/45 zum Rückgrat der deutschen Kriegsproduktion gewordenen Zwangsarbeit ist noch immer nicht vollkommen erfasst. Gerade im Großraum Stuttgart herrscht in der Regel nur eine vage Vorstellung von Umfang und damaliger Alltäglichkeit eines Systems, das Menschen aus dem gesamten Herrschaftsgebiet der deutschen Wehrmacht zu Arbeitssklaven machte, deren Tod in die wirtschaftliche Gesamtrechnung einkalkuliert war.

Und auch das KZ, das vor allem die Wirtschaft Württemberg-Hohenzollerns über seine Außenlager wie z.B. Neckarelz, Vaihingen-Enz oder Leonberg mit Arbeitssklaven versorgte ist eher unbekannt geblieben: Das KZ Natzweiler-Struthof im Elsaß.

Nachdem der erste Autobahntunnel Deutschlands 1939 als Verkehrbauwerk in Bedeutungslosigkeit versank und kaum genutzt wurde, tauchte er wenige Jahre später in einer Denkschrift Willi Messerschmitts an den Jägerstab des Reiches zur Sicherung der Jägerproduktion gegen Luftangriffe auf: „Art der Bunkerung: vorhandene ausbaubare Anlagen sind stillzulegende Strassen- und Eisenbahntunnel, z.B. Leonberg“.

Ab März 1944 bauten Häftlinge des KZ Natzweiler-Struthof in Leonberg zunächst Baracken, dann ein Betonwerk, und schließlich mit den Fertigteilen aus dem Betonwerk eine Zwischendecke in die beiden Röhren des Engelbergtunnels. Die U-Fabrik erhielt so eine Produktionsfläche von 11.000 qm.

Bis zum 15. April 1945 lief im Tunnel die Produktion von Tragflächen für Messerschmitts Düsenjäger Me262. Bis dahin war das KZ Leonberg zu einem Moloch mutiert, der aus zwei Lagerteilen, der Fabrikhalle im Tunnel und zahlreichen neben- und Zulieferbetrieben in ganz Leonberg und Eltingen bestand. Dazu kamen noch ein Stapo-Lager und andere Lager, die mit dem KZ teilweise nichts zu tun hatten. Das KZ war zeitweise mit bis zu 3.200 Häftlingen hoffnungslos überbelegt. So war es quasi zwangsläufig, dass unter den zusammengedrängten, von Kälte, systematischer Mangelernährung, schwerer körperlicher Arbeit und ständiger Misshandlung geschwächten Zwangsarbeitern Ruhr, Fleckfieber und Typhus grassierten.

Nach dem Krieg tat sich Leonberg mit der Geschichte des KZ lange Jahre schwer, obwohl zahlreiche Anlagen einfach in zivile Nutzung überführt wurden. Der Autobahntunnel wurde zwar im April 1945 gesprengt, jedoch wieder instand gesetzt und bis 1999 genutzt. Vor allem in den 90er Jahren war er als Engpass und Verursacher von Staus über die Region hinaus gefürchtet. Die Millionen Autofahrer, die manche Viertelstunde unfreiwillig am Anstieg und in der Röhre verbrachten, werden freilich nur zu einem verschwindend kleinen Teil gewusst haben, dass sie sich gerade inmitten eines ehemaligen KZ befinden. Die Flak-Kaserne, die u.a. der Organisation Todt als Dependance vor Ort diente, wird heute von mehreren städtischen Einrichtungen genutzt, die Massivbauten des neuen Lagers beherbergen noch heute Teile des Samariterstifts. Mit Inbetriebnahme des völlig neu gebauten Engelberg-Basistunnels wurde der alte Engelbergtunnel außer Dienst gestellt und 2007/2008 verfüllt. Ein rund 20 m langes Teilstück der Weströhre am Südportal wurde als Teil der KZ-Gedenkstätte erhalten.

Im vorliegenden Buch, das im Wesentlichen von der Volkshochschule der Stadt Leonberg finanziert und herausgegeben wurde, wird die gesamte Dimension von KZ und Zwangsarbeit in Leonberg dargestellt. In vier Teilen, die sich aus mehreren Aufsätzen zusammensetzen, wird sowohl das System der Zwangsarbeit und der KZ kurz aber in der für das Verständnis des KZ Leonberg notwendigen Ausführlichkeit behandelt. Zahlreiche Dokumente, Karten, Fotos und vor allem die Auswertung von Interviews mit Überlebenden des KZ in ganz Europa liefern ein ausgesprochen plastisches und eindringliches Bild. Auch Konstruktionszeichnungen der gefertigten Tragflächen sowie die Darstellung der Zusammenarbeit mit anderen Fertigungsbetrieben (Vorfertigung z.B. in Korntal-Münchingen, Endmontage u.a. in Leipheim) sind enthalten.

Die Autoren haben eine umfassende Darstellung des KZ und der anderen Stätten der Zwangsarbeit in Leonberg zusammengetragen, wobei sich der allergrößte Teil des Buches mit dem KZ befasst. Soweit rekonstruierbar wurden die großen Transporte von Häftlingen nach Leonberg und von Leonberg in andere Lager dokumentiert. Im Teil 4 sind alle 2556 Namen von Leonberger KZ-Häftlingen aufgeführt, die bis Redaktionsschluss für das Buch ermittelt werden konnten.

Die genaue Zahl von Zwangsarbeitern, die in Leonberg eingesetzt waren, ist nicht mehr genau ermittelbar. Ähnlich verhält es sich auch mit den Todesopfern des KZ Leonberg. Bekannt sind 389 Häftlinge, die in Leonberg umkamen. Da viele arbeitsunfähig gewordene, oft todkranke Häftlinge einfach wieder nach Dachau, Natzweiler oder in andere Lager abgeschoben wurden, wo sie letztlich starben, ist die genaue Zahl der Todesopfer nicht zu klären. Hinzu kommen jene nicht mehr erfassten Fälle, die die „Evakuierung“ nach Kaufering und Mühldorf am Inn nicht mehr überlebten, oder dort nach der Ankunft verstarben.

Was an Fakten zu KZ und Zwangsarbeit in Leonberg zusammengetragen werden konnte, versammelt dieses Buch. Es ist ein Stück eindringliche Heimatgeschichte, und durch die Namenslisten auch ein Stück Gedenken an die Opfer. Das Buch erschien im Oktober 2001, seit Sommer 2008 gibt es die Gedenkstätte am Südportal der Weströhre. Dennoch ist die Geschichte des KZ Leonberg im Raum Stuttgart auch heute noch weitgehend unbekannt.

Das Buch kann direkt im Rathaus Leonberg am Empfang erworben werden.

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